Ohne Theater.
Über Haftbefehl, Kollegah, Farid Bang, Shindy, Bushido und wie sie alle heißen, kann man ja sagen, was man will. Und die meisten Menschen tun das ja auch. Sehr gern sogar. Man kann über die Texte streiten. Über Inhalte sowieso. Über Auftreten, Sprache, Gesten, Videos, Sonnenbrillen in geschlossenen Räumen und über diese bemerkenswerte Fähigkeit, jeden Raum zu betreten, als hätten sie ihn gerade gekauft oder die Menschen darin zumindest komplett eingeschüchtert. Kann man alles machen. Muss man aber nicht. Denn darum geht es mir gerade gar nicht. Mir geht es nicht um Musikgeschmack. Nicht um Moral. Nicht darum, ob man diese Welt mag oder nicht. Losgelöst von allem, was man daran schwierig, albern, übertrieben, fragwürdig oder beeindruckend finden kann, bleibt eine Sache übrig: Diese Menschen haben Selbstbewusstsein. Oder dicke Eier, wie sie selbst vermutlich sagen würden. Dieses „Fick dich, ich mach das trotzdem“-Selbstbewusstsein. Nicht dieses freundliche Selbstbewusstsein aus einem VHS-Kurs, bei dem man lernt, im Meeting auch mal vorsichtig „Ich sehe das ein bisschen anders“ zu sagen und danach drei Tage hofft, dass niemand sauer ist. Nicht dieses Selbstbewusstsein, das vorher noch fragt, ob es kurz stören darf. Sondern dieses unverschämte, rohe, manchmal völlig drüber liegende Selbstbewusstsein, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin so. Ich bleib so. Ich rede so, wie ich rede. Ich nehme mir diesen Raum. Komm damit klar oder geh weiter und verpiss Dich. Und natürlich kann man darüber die Nase rümpfen. Menschen echauffieren sich ohnehin gern. Das gibt ihnen das Gefühl, kurzfristig Ordnung in eine Welt gebracht zu haben, die sich sonst leider nicht besonders für ihre Sortierwünsche interessiert. Und trotzdem muss man diesen Rappern neidlos anerkennen, dass Sie einfach da stehen. Da versteckt sich keiner hinter möglichst harmlosen Sätzen. Da wird nicht jedes Wort vorher weichgespült, damit es in möglichst vielen Milieus niemandem wehtut. Da ist kein innerer Pressesprecher, der noch schnell die Kanten abschleift. Da ist Behauptung. Präsenz. Wucht. Vielleicht zu viel davon. Vielleicht peinlich. Vielleicht schwer auszuhalten. Aber eben auch eine Form von Kraft. Und ich glaube, genau das provoziert viele. Nicht nur die Inhalte. Sondern die Tatsache, dass da Menschen auftreten, als hätten sie nie gelernt, sich kleiner zu machen, nur damit andere sich kurz wohler fühlen.
Ich war lange das Gegenteil davon. Also nicht Haftbefehl. Nicht Kollegah. Nicht dieser „Ich komm rein und der Raum weiß Bescheid“-Typ. Ich war eher der VHS-Typ. Nicht, weil ich aus einem Elternhaus komme, in dem man mir beigebracht hat, möglichst unauffällig durchs Leben zu schleichen wie ein Mensch gewordener Teppichläufer. Sondern weil in den letzten Jahren viele Menschen in meinem Umfeld waren, die nach außen sehr gern behauptet haben, ihnen sei völlig egal, was andere über sie denken. Menschen, die Sätze sagen wie: „Sollen die Leute doch reden.“ Und zwei Tage später schneiden sie kurz vor dem Schützenfest noch schnell die Hecke, den Buchsbaum und vermutlich auch einen Teil ihrer Persönlichkeit zurecht, nur damit bloß niemand aus dem Dorf vorbeigeht und denkt, dass es bei denen aber wild aussieht.
Ich glaub, Menschen sind da oft erstaunlich konsequent inkonsequent. Nach außen frei. Innen trotzdem die große Angst, dass irgendjemand aus dem Dorf etwas sagen könnte. Nach außen Haltung. Innen Angst vor drei besoffenen Schützen mit Bier in der Hand und Meinung auf den Lippen. Aber dass ich eher der VHS-Typ war, ist nicht deren Schuld. Ich bin ja kein Opfer. Ich bin jemand, der mitgespielt hat. Ich habe versucht, zu gefallen. Ich habe mich angepasst. Ich habe mich kleiner gemacht, damit andere sich nicht über mich aufregen mussten. Ich habe Sätze weicher formuliert, Meinungen für mich behalten und so getan, als wäre Harmonie dasselbe wie Frieden. Ist sie nicht. Harmonie ist manchmal nur Angst mit Tischdecke drüber. Selbstgehäkelt. Und ja, einige dieser Menschen hatten durchaus zwei Gesichter. Das eine sah man, solange man ihrer Meinung war. Das andere kam zum Vorschein, sobald man sich anders verhielt, anders dachte oder nicht mehr sauber in das Bild passte, das sie sich von einem gemacht hatten. Natürlich könnte ich darüber lange reden. Ich könnte alles ausbreiten, analysieren, mich rechtfertigen oder andere schlecht machen. Kann ich aber auch lassen. Denn am Ende ist entscheidend, dass es nicht deren Aufgabe war, mir Eier zu geben. Es war meine.
Dass ich kein Mensch mit leichter Rapper-Attitüde war, war nie ihre Schuld. Es war meine Entscheidung. Auch wenn ich es damals nicht so genannt hätte. Ich wollte nirgends anecken. Ich wollte funktionieren. Ich wollte nicht unangenehm auffallen. Ich wollte in Räume passen, die mir eigentlich längst zu klein geworden waren. Und irgendwann merkt man dann (zum Glück), dass man nicht automatisch sympathischer wird, wenn man sich ständig kleiner macht, damit andere sich wohler fühlen. Man wird nur handlicher. Wie so ein Klappstuhl. Praktisch für alle. Nur irgendwann möchte man selbst nicht mehr darauf sitzen.
Man wird langsam undeutlich. Erst in Gesprächen. Dann in Entscheidungen. Dann im eigenen Leben. Heute würde ich nicht sagen, dass ich ständig „Fick dich“ sage, sobald mir etwas nicht passt. So weit ist die Verrohung des Abendlandes dann vielleicht doch noch nicht fortgeschritten. Aber ich würde auch nicht behaupten, dass ich es nie denke. Ich drücke mich nur etwas anders aus. Ruhiger vielleicht. Klarer. Eloquenter. Wahrscheinlich intelligenter, wenn ich einen guten Tag habe und der Kaffee nicht vorher aufgegeben hat. Aber die Botschaft ist dieselbe. Ich musste erst wieder lernen, dass ich nicht hier bin, um mich ständig anzupassen. Ich bin nicht hier, um jedem Bild zu entsprechen, das andere von mir haben. Ich bin nicht hier, um meine Ecken abzuschleifen, nur damit sich niemand daran stößt. Und wenn ich heute etwas nicht will, sage ich Nein. Wenn mir etwas zu ätzend wird, gehe ich. Wenn jemand erwartet, dass ich mich wieder kleiner mache, damit es für ihn bequemer wird, dann kann er sich gern einen anderen Menschen dafür suchen. Einen aus dem VHS-Kurs vielleicht. Da sind bestimmt noch Plätze frei. Zwischen Konfliktvermeidung und Aufbaukurs Heckenschnitt.
Vielleicht ist das jetzt meine persönliche Form von Rapper-Attitüde. Nicht mit Goldkette. Nicht mit Sonnenbrille im Wohnzimmer. Nicht mit diesem Blick, als hätte man gerade in einem kompletten Stadtteil Hausverbot bekommen. Dafür bin ich dann doch zu norddeutsch. Zu anders erzogen. Und dann doch eher jemand, der selbst dann „Danke“ sagt, wenn ihm der Kaffee lauwarm serviert wird. Aber der Kern ist derselbe. Ich frag nicht mehr, ob ich, ich selbst sein darf. Ich versuche nicht mehr, meine Sätze so weich zu spülen, dass sie niemanden treffen, niemanden stören und am Ende nicht mal mehr mich selbst meinen. Ich mache mich nicht mehr kleiner, nur damit andere sich kurz größer fühlen können. Ich räume meinen Platz nicht mehr automatisch, nur weil jemand unbequem findet, dass ich überhaupt einen habe.
Zugegeben. Diese Haltung ist noch nicht perfekt. Manchmal ist sie noch zu grob. Manchmal noch zu vorsichtig. Manchmal kommt sie einen Schritt zu spät, meistens genau dann, wenn man abends im Bett liegt und plötzlich den perfekten Satz weiß. Sehr hilfreich. Danke, Gehirn. Aber ich merke, dass sie da ist. Sie wächst. Sie wird klarer. Ruhiger. Schärfer. Weniger Krawall. Mehr Klinge. Vielleicht ist das überhaupt der Punkt. Man muss nicht laut werden, um nicht mehr klein zu sein. Man muss nicht verletzen, um Grenzen zu haben. Man muss nicht jeden Menschen wegschieben, nur um endlich stehen zu bleiben. Aber man darf aufhören, sich ständig selbst zur Seite zu nehmen. Man darf sagen, dass man da ist. Ich denke so. Ich schreibe so. Ich entscheide so. Ich gehe diesen Weg. Nicht gegen dich. Aber auch nicht mehr gegen mich. Und wer damit nicht klarkommt, muss nicht beleidigt sein. Er muss es nicht verstehen. Er muss es nicht gut finden. Er darf einfach weitergehen. Ich bleibe hier. Nicht laut. Nicht ätzend. Nicht als schlechter Ü45-Deutschrap-Versuch mit Rückenproblemen. Sondern als jemand, der langsam verstanden hat, dass Selbstbewusstsein nicht bedeutet, jedem „Fick dich“ entgegenzuschleudern. Manchmal bedeutet es, nicht mehr leise „Entschuldigung“ zu sagen, während man das eigene Leben verlässt.