Heiligabend wartet.
Und ich plane schon...
Es ist Sonntag, der 14. Juni. Draußen wirkt der Tag schon so, als hätte er noch einiges vor. Aber ich weiß nicht genau, was. Ich sitze seit kurz nach vier Uhr am MacBook. Im Haus ist es still. Nur der Kaffee steht neben mir und sieht aus, als hätte er nicht damit gerechnet, schon gebraucht zu werden. Eigentlich hätte ich nichts zu tun. Und wenn man an einem Sonntagmorgen im Juni nichts zu tun hat, bleibt einem als erwachsenem Menschen natürlich nur eine vernünftige Möglichkeit: Weihnachten planen. Ich könnte auch joggen gehen. Oder wie andere ausschlafen. Aber Nein. Ich öffne Reiseportale und beschäftige mich mit der Frage, wo ich Heiligabend verbringen könnte. Weil Weihnachten ja bekanntlich immer völlig überraschend kommt. Zwei Tage lang ist kurz Sommer und plötzlich steht man wieder im Supermarkt zwischen Menschen, die mit auffälliger Ernsthaftigkeit Raclettekäse vergleichen. Es sind ja auch nur noch sechs Monate und zehn Tage bis Heiligabend. Also praktisch übermorgen, wenn man dem inneren Katastrophenschutz glauben möchte.
Ich klicke mich durch Naturhäuschen, Ferienwohnungen und Hotels. Naturhäuschen klingt gut. Ein kleines Haus irgendwo im Wald. Ruhe. Kamin. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht Regen gegen die Scheibe. Vielleicht dieser Moment, in dem man sich einbildet, man sei ein Mensch, der freiwillig in der Stille sitzt und nicht einfach nur vor Menschen, Familiengesprächen, Geschenkpapier und Kartoffelsalatlogistik geflohen ist. Ein Hotelzimmer klingt aber auch gut. Vor allem wegen Frühstück. Hotels haben diesen Vorteil, dass morgens jemand anderes beschlossen hat, wie viele Sorten Brötchen ein Mensch braucht. Meistens sind es zu viele, aber das ist einer der wenigen Überflüsse, gegen die ich mich nur ungern wehre. Außerdem gibt es in Hotels Menschen, die am Buffet kleine Entscheidungen treffen müssen. Das beobachte ich gern. Nur aus fachlichem Interesse am Menschsein. Versteh ich ja nicht immer.
Naja. Blöd. Ich weiß nicht. Naturhäuschen oder Hotelzimmer. Allein im Wald oder anonym zwischen anderen Menschen, die ebenfalls so tun, als sei Weihnachten eine sehr gute Idee. Dann kommt die nächste Frage. Reist man am 26. Dezember wieder ab? Das klingt vernünftig. Weihnachten erledigen, Jacke anziehen, Tasche packen, weg. Andererseits ist der 26. Dezember auch dieser seltsame Tag, an dem niemand mehr genau weiß, welche Mahlzeit gerade gemeint ist. Frühstück? Mittag? Reste? Kuchen? Alles steht gleichzeitig auf dem Tisch und die Familie bewegt sich langsam durch den Raum wie ein überfüttertes Theaterstück, gespielt von Laienschauspielern auf einer Dorfbühne. Vielleicht sollte man abreisen. Vielleicht sollte man aber auch bleiben. Bis kurz vor Silvester. Oder gleich über Silvester.
Womit wir beim nächsten Problem wären. Silvester. Dieses merkwürdige Jahresendding, bei dem alle so tun, als würde um Mitternacht ein neuer Mensch aus ihnen herausfallen, nur weil irgendwo Raketen hochgehen und Menschen mit Sektgläsern Dinge sagen wie: „Dieses Jahr wird alles anders.“ Schon klar, Joachim. Ruhig bleiben, Sibylle. Wird es meistens nicht. Meistens wird nur der Januar kälter. Ich frage mich also, was ich an Silvester mache. Gehe ich irgendwo frühstücken? Klingt harmlos. Frühstück ist die angenehmste Form gesellschaftlicher Teilnahme. Man sitzt, trinkt Kaffee, isst ein Brötchen und kann jederzeit behaupten, man müsse gleich noch etwas erledigen. Feiere ich überhaupt? Schon das Wort „feiern“ macht mich müde. Es klingt nach Menschen, die um 23:47 Uhr plötzlich sehr laut werden und glauben, Polonaise sei keine Warnung, sondern eine Aktivität. Vielleicht verstecke ich mich einfach irgendwo. In einem kleinen Zimmer. Mit einer Serie, die ich bestimmt schon gesehen habe. Mit Hackbraten und Kartoffelspalten. Nicht elegant, aber ehrlich. Es gibt schlechtere Arten, ein Jahr zu beenden, als mit warmem Essen und der beruhigenden Gewissheit, dass auf dem Bildschirm wenigstens jemand ein Problem hat, das nach 45 Minuten gelöst wird. Im echten Leben dauert das meistens länger. Und hat mehr Formulare.
Während ich also am MacBook sitze und Unterkünfte vergleiche, merke ich, wie bekloppt das alles ist. Ich habe dieses Jahr nicht mal wirklich Lust auf Weihnachten, aber plane es mit einer Sorgfalt, als würde ich eine Mondlandung vorbereiten. Wo schlafen? Wann abreisen? Was essen? Wie viel Alleinsein ist gut? Wie viel Gesellschaft ist auszuhalten? Muss man Weihnachten noch mögen, nur weil es im Kalender steht? Oder darf man einfach sagen: Dieses Jahr bitte etwas leiser. Weniger Programm. Weniger Pflichtgefühl. Weniger „das macht man so“.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht plane ich gar nicht Weihnachten. Vielleicht plane ich nur einen Ort, an dem ich Ende Dezember nicht das Gefühl habe, eine Rolle spielen zu müssen. Kein großes Fest. Kein Drama. Keine künstliche Besinnlichkeit, die aussieht, als hätte sie jemand bei Pinterest mit zu viel Zimt bestäubt. Nur ein paar Tage irgendwo anders. Kaffee. Frühstück. Spazierengehen. Vielleicht ein Buch. Vielleicht ein Notizbuch. Vielleicht ein Fenster, hinter dem es früh dunkel wird.
Und jetzt sitze ich hier, am 14. Juni, um kurz nach vier, mitten im Sommer, und suche nach einem Platz für Weihnachten, obwohl ich noch nicht einmal weiß, was ich heute frühstücke. Manche Menschen haben einen Fünfjahresplan. Ich habe gerade nicht mal einen überzeugenden Plan für heute, plane aber den zweiten Weihnachtsfeiertag. Ich bin so durch. Egal. Immerhin fange ich früh genug an. Nur noch sechs Monate. Man muss ja realistisch bleiben. Weihnachten kommt schließlich immer so plötzlich. Direkt nach dem Sommer. Und nach den ersten Spekulatius im September. Also eigentlich morgen.
Ach ja. Ich habe Weihnachten mal geliebt. Aber irgendwann haben Menschen daraus etwas gemacht, auf das man sich vorbereiten muss.