Das mit den Freunden.
Eine Theorie in Boxershorts.
Es ist 4:30 Uhr. Ein Donnerstag. Kein besonderer Tag. Nichts ist passiert. Und ich habe gerade darüber nachgedacht, wie oft Menschen von ihren Freunden sprechen. Meine Freunde hier. Meine Freunde da. Auf Instagram sehe ich Fotos von Menschen, die sich mit Menschen treffen. Kaffee, Feiern, spazieren, Urlaub. Und ich sitze in Boxershorts auf der Bettkante und stelle fest, dass ich eigentlich keine Ahnung von Freundschaft habe. Vielleicht hatte ich mal welche. Vielleicht habe ich auch heute noch welche. Wer weiß das schon so genau. Ich bin nicht besonders gut darin, mich zu melden. Ich vergesse Geburtstage. Ich schreibe manchmal wochenlang niemandem. Nicht weil ich böse bin. Oder enttäuscht. Eher aus einer Mischung aus Vergesslichkeit, Eigenbrötlerei und der festen Überzeugung, dass andere Menschen vermutlich ebenfalls beschäftigt sind. Vielleicht bin ich deshalb auch kein besonders guter Freund.
Andererseits frage ich mich manchmal, ob Freundschaft überhaupt daran gemessen wird, wie oft man schreibt. Wie oft man sich meldet. Ruft man sich heute noch an? Ich weiß es nicht. Ich kenne Menschen, die ich monatelang nicht sehe. Und wenn wir uns wieder treffen, sitzen wir nach fünf Minuten da, als hätten wir gestern noch zusammen Kaffee getrunken. Und ich kenne Menschen, mit denen ich täglich Kontakt hatte und die plötzlich komplett aus meinem Leben verschwunden sind. Lautlos. Wie Socken in der Waschmaschine. Obwohl ich mich bemüht habe. Ehrlich bemüht. Egal. Vielleicht ist Freundschaft am Ende etwas viel Einfacheres. Vielleicht sind Freunde die Menschen, bei denen man keine Rolle spielen muss. Die Menschen, die nicht nachtragen, wenn man sich drei Wochen nicht meldet. Die Menschen, die auftauchen, wenn es darauf ankommt. Oder vielleicht rede ich mir das auch nur schön, weil ich selbst nicht besonders gut in Freundschaft bin. Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung davon. Vielleicht ist das schon die ehrlichste Antwort, die ich zu diesem Thema habe.
Und die zweite ehrliche Antwort ist vielleicht, dass es mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig ist. Nicht aus Enttäuschung. Nicht aus Wut. Nicht einmal aus Resignation. Mittlerweile habe ich einfach festgestellt, dass ich erstaunlich viele Dinge problemlos allein machen kann. Ich kann allein essen gehen. Allein verreisen. Allein ins Kino. Allein durch eine fremde Stadt laufen und dabei einen völlig überteuerten Kaffee trinken. Früher hätte ich das vielleicht seltsam gefunden. Heute nicht mehr. Seltsam finde ich eher, wie oft Menschen darauf reagieren, als hätte ich ihnen gerade erzählt, dass ich unter einer Brücke wohne. „Ach Mensch.“ „Das tut mir leid.“ „Das ist bestimmt traurig.“ Nein Hildegard. Traurig ist etwas anderes. Allein sein und einsam sein sind nicht dasselbe. Zumindest nicht immer. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich bei Freundschaften inzwischen deutlich entspannter bin als früher. Ich hab ja dazu gelernt. Nicht jeder Mensch ist dafür gedacht, lange zu bleiben. Manche begleiten einen nur ein Stück. Irgendwann merkt man, dass das Leben erstaunlich gut darin ist, die richtigen Menschen zu behalten und die anderen zu einer Erinnerung zu machen. Und selbst die verblasst.
Es gab allerdings auch mal eine Zeit, da war ich nicht so gefestigt wie heute. Da wollte ich dazugehören. Da fand ich es wichtig, gemocht zu werden. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was andere von mir denken. Ob ich sympathisch wirke. Ob ich interessant genug bin. Ob ich irgendwo hineinpasse. Und je älter ich werde, desto absurder kommt mir dieser Gedanke vor. Denn dazugehören hat oft einen Preis. Einen, den ich gar nicht bezahlen will. Man passt sich an. Man lacht über Dinge, die man gar nicht lustig findet. Man sagt Dinge nicht, die man selbst lustig findet. Man nickt bei Meinungen, die man eigentlich nicht teilt. Man sagt lieber nichts, statt anzuecken. Man wird ein kleines bisschen zu der Person, die andere gerne hätten. Und ein kleines bisschen weniger zu der Person, die man eigentlich ist. Das funktioniert erstaunlich lange. Bis man irgendwann feststellt, dass man eine Rolle spielt, die allen gefällt, außer einem selbst. Nee, Frank. Mit aller Gewalt irgendwo dazugehören zu wollen, darauf habe ich wirklich keinen Bock mehr.