In fünf Jahren.

Eine Prognose, ohne Gewähr.

Das Wartezimmer war überraschend voll. Nicht unangenehm voll. Eher diese besondere Art von voll, die man nur in Arztpraxen erlebt. Zehn Menschen in einem Raum, die alle so tun, als wären die anderen neun gar nicht da. Eine ältere Dame blätterte in einer Zeitschrift. Zwei Männer starrten auf ihre Smartphones. Ein dritter sah einfach nur gegen die Wand. Vielleicht war sein Akku leer. Vielleicht hatte er seinen inneren Frieden gefunden. Vielleicht dachte er in Ruhe über das Leben nach. Man konnte es nicht genau sagen. Auf den kleinen Tischen lagen Magazine über Reisen, Gesundheit und Gartenarbeit. Vermutlich die drei großen Themen, die uns irgendwann alle in Arztpraxen einholen. An den Wänden hingen große Fotografien von Bergen. Morgenlicht. Gipfel. Schmale Wege zwischen Felsen. Wirklich gute Bilder. Nicht die üblichen Dekofotos, die aussehen, als wären sie zusammen mit einem Aktenschrank bestellt worden. Ich fragte mich, ob die Ärztin sie selbst fotografiert hatte. Zutrauen würde ich es ihr. Viel Zeit blieb mir allerdings nicht, um darüber nachzudenken. Die Tür öffnete sich.

Herr Luttmann“ sagte sie mit einem Augenzwinkern, „kommen Sie einmal mit.

Ich stand auf. Der erste Raum rechts, meinte sie. Ich ging voraus. Sie hinterher. Es war nur eine Nachbesprechung. Nichts Dramatisches. Gesundheitlich war alles in Ordnung. Wir sprachen über dieses, jenes, Krankenkassenkram und Dinge, die Menschen in weißen Kitteln deutlich besser verstehen als ich. Dann war das Gespräch eigentlich schon vorbei. Die Ärztin sah kurz auf ihren Bildschirm, dann wieder zu mir.

Sag mal Torsten, wo siehst du dich eigentlich in fünf Jahren?

Eine interessante Frage. Vor allem, wenn man mit Mitte vierzig in einer Arztpraxis sitzt und vor fünf Jahren vermutlich etwas völlig anderes geantwortet hätte. Ich dachte kurz nach. Dann stellte ich fest, dass ich zwar ungefähr wusste, was ich heute Nachmittag mache. Aber bei den nächsten fünf Jahren wurde es überraschend dünn.

Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Frage in unserem Fall etwas weniger seltsam war, als sie auf den ersten Blick klingt. Wir kennen uns schon länger und sind inzwischen beim Du angekommen. Trotzdem gehört die Frage „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ normalerweise eher in Bewerbungsgespräche, Karrierecoachings oder in diese Podcasts, die von Menschen moderiert werden, die mit dreiunddreißig bereits sieben Unternehmen gegründet haben und morgens freiwillig Selleriesaft trinken. In einer Arztpraxis hatte ich damit jedenfalls nicht gerechnet.

Vielleicht hat mich die Frage deshalb so beschäftigt. Weil sie mich auf dem falschen Fuß erwischt hat. Oder vielleicht auf dem richtigen. Wenn ich auf die letzten sechs Monate zurückblicke, fühlt sich vieles davon an, als hätte jemand meinen bisherigen Lebenslauf genommen, kräftig geschüttelt und anschließend die Seiten in einer anderen Reihenfolge wieder eingeheftet. Ich habe in den letzten Monaten mehr Zeit in Zügen verbracht als in vielen Jahren zuvor. Ich habe Orte gesehen, die ich vorher nur von Landkarten kannte. Menschen verloren. Andere kennengelernt. Gewohnheiten abgelegt. Neue begonnen. Pläne gemacht. Pläne verworfen. Dinge beendet, von denen ich dachte, sie würden für immer bleiben. Und Dinge begonnen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Vor einem halben Jahr hätte ich viele Entwicklungen meines heutigen Lebens vermutlich für eher unwahrscheinlich gehalten. Und ich glaube, genau deshalb fiel mir die Antwort so schwer. Weil ich inzwischen gelernt habe, dass fünf Jahre eine erstaunlich lange Zeit sind. Lang genug, um sich zu verlieben. Lang genug, um sich zu trennen. Lang genug, um ein Haus zu kaufen, einen Job zu wechseln, ein Buch zu schreiben, auszuwandern, einen Hund anzuschaffen oder festzustellen, dass man eigentlich lieber mit dem Zug durch Deutschland fährt, als man jemals vermutet hätte.

Mit anderen Worten:
Ich habe keine Ahnung, wie mein Leben in fünf Jahren aussieht. Aber genau deshalb mag ich die Frage. Also habe ich beschlossen, eine Prognose zu wagen. Ohne Gewähr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Also gut. Eine Prognose. In fünf Jahren bin ich fünfzig. Verrückt. Ein Satz, der auf dem Papier deutlich sachlicher aussieht, als er sich anfühlt. Fünfzig klingt nach Menschen, die beim Aufstehen Geräusche machen und in Baumärkten ernsthaft über Akkuschrauber sprechen. Andererseits mache ich beim Aufstehen bereits Geräusche und habe auch schon erstaunlich ernsthaft über solche Teile gesprochen. Vielleicht ist der Übergang also fließender, als man denkt. Na gut. Ich sehe mich nicht in einer großen Stadt. Das kann ich ziemlich sicher sagen. Keine Altbauwohnung im vierten Stock. Kein Innenhof, in dem jemand um 23:17 Uhr noch Flaschen in einen Glascontainer wirft. Kein Nachbar, der glaubt, Techno sei ein tragfähiges Lebenskonzept. Auf gar keinen Fall. Ich sehe eher ein kleines Haus, eine kleine Wohnung am Rand eines Ortes. Irgendwo, wo morgens noch Nebel über den Feldern und Bäumen liegt. Wo man den Tag hören kann, bevor er anfängt. Eine Küche mit einem alten Tisch. Kaffee. Notizbücher. Schuhe an der Tür. Eine Jacke über einem Stuhl. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht ein schmaler Weg hinter dem Haus, der nirgendwo Besonderes hinführt und gerade deshalb wichtig ist.

Oder es ist ein Van. Auch möglich. Ein ausgebauter Kastenwagen mit Bett, kleiner Küche, Kamera, Laptop und viel zu wenig Stauraum für einen Menschen, der behauptet, nicht viel zu brauchen und dann trotzdem drei Jacken, zwei Paar Schuhe und ein Buch zu viel einpackt. Vielleicht stehe ich damit irgendwo im Sauerland. Oder in der Lüneburger Heide. Vielleicht in Schweden, Norwegen oder im Allgäu. Oder auf einem Parkplatz, der auf Fotos deutlich romantischer wirkt, als er in Wirklichkeit ist. Ganz ausschließen kann man das nicht. Wahrscheinlich wird es irgendwo dazwischen liegen. Ein fester Ort. Und die Möglichkeit, jederzeit loszufahren. Das klingt für mich gerade nach einer ziemlich brauchbaren Zukunft.

Ich glaube, ich werde schreiben. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur, wenn Zeit übrig bleibt. Sondern richtig. Regelmäßig. Mit diesem seltsamen Ernst, den man entwickelt, wenn man merkt, dass eine Sache nicht einfach nur ein Hobby ist, sondern der eigene Weg. Vielleicht steht dann ein Buch von mir in irgendeinem Regal. Vielleicht sogar zwei. Vielleicht liegt eines davon auf einem Nachttisch neben einer Lesebrille, einem Wasserglas und einem Ladekabel, das natürlich wieder nicht richtig funktioniert. Ich werde vermutlich immer noch morgens früh wach sein. Vielleicht nicht mehr ganz so dramatisch. Vielleicht nicht mehr um drei. Aber früh genug, um draußen zu sein, bevor der Rest der Welt seine Jacke gefunden hat. Ich werde laufen. Oder gehen. Oder irgendwo an einem Bahnsteig stehen, mit Kaffee in der Hand und dieser leichten Verwunderung darüber, dass Menschen freiwillig Rollkoffer benutzen, deren Räder klingen wie ein kaputter Einkaufswagen auf Kopfsteinpflaster.

Ich sehe mich unterwegs. Nicht ständig. Nicht mehr rastlos. Aber regelmäßig. Züge. Hotels. Raststätten. Cafés. Waldwege. Kleine Städte. Orte, an denen niemand erwartet, dass etwas passiert, und an denen deshalb oft die besten Geschichten beginnen. Ich werde vermutlich immer noch Menschen beobachten, die an Ticketautomaten verzweifeln, vor Bäckereien diskutieren, im Bordbistro zu lange auf ein belegtes Brötchen schauen oder im Hotel beim Frühstück so viel Entschlossenheit in die Bedienung eines Waffeleisens legen, dass man kurz Angst bekommt.

Ich hoffe, dass ich dann klüger bin.

Nicht im Sinne von weise. Weise Menschen tragen in meiner Vorstellung Leinenhemden, rauchen selbstgedrehte Zigaretten und sagen Dinge wie „Alles ist im Fluss“. Ich meine eher eine praktische Klugheit. Weniger erklären. Weniger rechtfertigen. Weniger Dinge festhalten, die längst weitergegangen sind. Mehr machen. Mehr schreiben. Mehr rausgehen. Mehr sehen. Mehr leben. Vielleicht ist das die eigentliche Prognose. Also nicht, wo ich wohne. Nicht, welches Auto oder welcher Van vor der Tür steht. Nicht, wie viele Bücher veröffentlicht sind. Nicht, wie viele Menschen meine Texte lesen. Sondern dass ich in fünf Jahren näher an dem Leben bin, das sich nach mir anfühlt. Ein bisschen freier. Ein bisschen klarer. Ein bisschen weniger bereit, mich von Dingen beeindrucken zu lassen, die eigentlich nur laut sind. Und wenn alles gut läuft, sitze ich an irgendeinem Morgen in dieser Küche. Oder in diesem Van. Oder auf einer Bank vor einem Bahnhof. Vor mir ein Kaffee. Neben mir ein Notizbuch. Draußen beginnt der Tag. Irgendwo fährt ein Lieferwagen vorbei. Jemand schließt eine Tür. Ein Hund bellt. Die Welt macht ihre üblichen Geräusche. Und ich schreibe einen Satz auf. Vielleicht keinen besonders großen. Aber einen echten. Vielleicht ist das am Ende ohnehin alles, was ich mir für die nächsten fünf Jahre wünsche:

Dem Leben ein Stück näher zu kommen, das sich nach mir anfühlt.