Alles im Griff.
Um 4:07 Uhr begegnet man auf einer Dorfstraße meist niemandem. Keine Autos. Keine Fahrräder. Keine Menschen mit wichtigen Terminen. Die einzige Bewegung kommt vielleicht von einer Amsel, die irgendwo in einem Busch trällert. Die Häuser schlafen noch. Hinter den Gardinen brennt nirgendwo Licht. Selbst die Hunde scheinen sich darauf geeinigt zu haben, um diese Zeit noch nicht zu bellen. Ein paar Minuten später laufe ich am Ortsrand entlang. Rechts Wiesen. Links ein Graben. Irgendwo weiter hinten steht ein Reh auf dem Feld und schaut mich an, als wäre ich derjenige, der hier nicht hingehört. Es gibt Tage, da regnet es. Dann regnet es eben. Um diese Uhrzeit spielt das kaum eine Rolle. Regen hat morgens um kurz nach vier etwas Erstaunliches. Er wirkt deutlich weniger ätzend als später am Tag. Vielleicht weil noch niemand darüber diskutiert. Niemand beschwert sich. Er fällt einfach vom Himmel und erledigt seine Arbeit. Man selbst wird nass, weiß aber, dass man sich später einfach umziehen kann. Alles gut. Kurz nach fünf sitze ich meistens auf einer Bank. Die Kniebandage, Knieschoner oder wie dieses Ding offiziell heißt, hab ich dann nach unten geschoben. Neben mir steht ein Energy-Drink, der vermutlich nicht auf jeder Liste gesunder Lebensentscheidungen auftaucht. In meinen Kopfhörern läuft irgendetwas, das nach Vorwärtskommen klingt. Beastie Boys. Chemical Brothers. Vielleicht auch Placebo. Vor mir geht langsam die Sonne auf. Man kann nicht immer alles richtig machen. Wahrscheinlich wäre das auch ziemlich anstrengend.
Ich kenne da einen.
Nach außen betrachtet hat dieser Mann sein Leben derart im Griff, dass man meinen könnte, er würde morgens seine Cornflakes nach Größe sortieren. Wenn man mit ihm spricht, läuft alles hervorragend. Immer. Die Familie. Das Haus. Die Urlaubsplanung. Das neue Fahrrad. Das Wetter. Wahrscheinlich auch die Entwicklung der europäischen Spiegeleiquallenpopulation. Besonders beeindruckend ist sein Interesse am Skispringen. Jedes Jahr verfolgt er sämtliche Übertragungen. Nicht ein paar. Alle. Man bekommt den Eindruck, als würde sein seelisches Gleichgewicht bei jedem Sprung von Andreas Wellinger kurz mit in der Luft hängen. Doch irgendwann erfährt man andere Dinge.
Dass er Angst vorm Autofahren hat. Dass er regelmäßig Sachen bei Kleinanzeigen verkauft, aber die Tür nicht öffnet, wenn der Käufer klingelt. Stattdessen schickt er seine Frau vor. Dass ihn manche Situationen genauso überfordern wie jeden anderen Menschen auch. Dass er nachts über Dinge nachdenkt. Dass er Sorgen hat. Dass sein Leben erstaunlich normal ist. Und genau darüber spricht er nie. Denn nach außen soll alles perfekt wirken. Als gäbe es irgendwo eine geheime Verordnung, nach der man Probleme erst besitzen darf, wenn sämtliche Nachbarn ihre schriftliche Zustimmung erteilt haben. Dabei ist die Wahrheit wahrscheinlich deutlich entspannter. Fast jeder hat irgendwelche Baustellen. Fast jeder hat Ängste. Fast jeder tut gelegentlich so, als hätte er sein Leben besser im Griff, als es tatsächlich der Fall ist. Und vielleicht sitzen deshalb morgens um fünf Menschen auf Bänken, trinken fragwürdige Getränke und beobachten den Sonnenaufgang. Nicht weil sie Antworten gefunden haben. Sondern weil die Welt um diese Uhrzeit noch keine so dummen Fragen stellt.