Der Typ im Sprinter.

Zuhause auf Rädern.

Vor dem Supermarkt standen ein paar Menschen unter dem Vordach und warteten darauf, dass der Regen sich wieder beruhigte. Vor zehn Minuten hatte noch die Sonne geschienen. Jetzt prasselte das Wasser auf das Pflaster, als hätte jemand beschlossen, den Himmel einmal komplett durchzuspülen. Über den Dächern hing eine dunkle Wolke. Weiter hinten war der Himmel bereits wieder blau. Das Wetter macht heute, was es will. Regen. Sonne. Wind. Dann wieder Regen. Dazwischen gelegentlich Donner, als wolle Petrus, sofern er wirklich für das Wetter zuständig ist, zur Sicherheit noch ein wenig Dramatik hinzufügen. Es erinnert mich an Dublin. Ich war vor einigen Jahren dort und denke gerade daran, wie überrascht ich damals war. Nicht über die Stadt. Nicht über die Pubs. Sondern über das Wetter. In Dublin konnte man morgens bei Sonnenschein losgehen, mittags im Regen stehen und am Nachmittag wieder überlegen, ob die Sonnencreme vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen wäre. Noch erstaunlicher fand ich allerdings die Menschen. Niemand schien sich darüber aufzuregen. Wenn es regnete, wurde eben die Kapuze hochgezogen. Wenn die Sonne herauskam, setzte man sich wieder nach draußen. Das Wetter war dort offenbar kein Problem, das gelöst werden musste. Es war einfach Teil des Tages. Heute musste ich daran denken, als der nächste Schauer über die Stadt zog. Unter dem Vordach neben dem Eingang stand eine ältere Dame und beobachtete den Regen. „Das hat die Natur jetzt aber auch gebraucht“, sagte sie. Eine andere Frau nickte. Dann sah sie nach oben in den grauen Himmel und antwortete: „Ja, aber kann es nicht einfach nachts regnen und tagsüber die Sonne scheinen?“ Das sind so Sätze, die vermutlich schon seit mehreren Generationen überall in Deutschland gesagt werden. Direkt nach „Früher war mehr Lametta“.

Ich sprang über eine Pfütze, hielt meine Tasche fest und bewegte mich mit der Eleganz eines eher weniger talentierten Hürdenläufers Richtung Eingang. Mir fehlten noch zwei Brötchen. Zwei. Nicht fünfzehn. Ich musste keinen Wocheneinkauf erledigen. Ich brauchte einfach zwei Brötchen. Und manchmal stelle ich fest, dass Glück erstaunlich oft mit sehr überschaubaren Dingen zusammenhängt. Mit Kaffee. Mit einem freien Nachmittag. Mit einem Platz am Fenster im Zug. Mit zwei Brötchen, die noch fehlen. Während draußen der Regen gegen das Dach trommelte und irgendwo in der Ferne erneut ein Donner grollte, lief ich ohne Wagen und ohne Korb durch den Markt und dachte, dass die Welt eigentlich ganz gut darin ist, sich selbst zu beschäftigen. Mal regnet es. Mal scheint die Sonne. Mal passiert beides gleichzeitig. Und dann gibt es einen Regenbogen. Herrlich.

Gestern habe ich mich eher zufällig mit einem Mann unterhalten, der vermutlich deutlich weniger besaß als die meisten Menschen und dabei trotzdem zufrieden wirkte. Er machte jedenfalls den Eindruck. Aufgefallen war mir allerdings nicht der Mann, sondern sein Auto. Ich ging wie fast jeden Tag an der Hauptstraße spazieren, als mir dieser Mercedes Sprinter ins Auge fiel. Groß. Schwarz. Höhergelegt. Dicke Reifen. Hinten hing ein Fahrradträger, auf dem ein Gravel-Bike befestigt war. Das Ganze sah aus, als könnte man damit entweder durch Schweden fahren oder notfalls einen kleinen Bürgerkrieg überstehen.

Natürlich blieb ich kurz stehen. Nicht lange. Nur so lange, wie Menschen stehen bleiben, die behaupten würden, kein Stück neugierig zu sein. Durch die Seitenscheibe konnte ich ein wenig vom Innenausbau erkennen. Holz. Schubladen. Irgendwelche Taschen. Dann bemerkte ich, dass hinter dem Lenkrad jemand saß. Der Mann trug eine Nickelbrille, hatte seine Haare zu einem Zopf zusammengebunden und einen Schal um den Hals, obwohl die Temperaturen das eigentlich nicht mehr unbedingt erforderlich machten. Er sah ein wenig aus wie jemand, der entweder Kunst studiert oder seit Jahren erfolgreich versucht, auszusehen wie jemand, der Kunst studiert hat. Er lächelte.

„Kann ich dir helfen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich finde nur das Auto ziemlich interessant.“
„Dann guck ruhig genauer“, sagte er.

Und so stand ich neben einem Fremden auf einem Parkplatz und ließ mir dessen Zuhause zeigen. Denn genau das war es. Sein Zuhause. Links befand sich eine kleine Kochecke mit Gas. Daneben eine Sitzecke. Weiter hinten eine erstaunlich große Liegefläche. Irgendwo war ein Chemieklo untergebracht und mehrere Schränke, wobei Schränke vielleicht ein etwas großes Wort für das waren, was eher wie sehr gut organisierte Verstecke aussah.

„Mehr brauche ich gar nicht“, sagte er.

Dann erzählte er, dass er remote arbeite und seit längerer Zeit dauerhaft im Sprinter lebe. Keine Wohnung. Keine Miete. Kein Keller voller Dinge, die man sowieso nicht braucht. Nur das Auto. Und offenbar das Fahrrad. Während er sprach, schaute ich mich um und dachte darüber nach, dass sich ein erstaunlicher Teil unseres Lebens eigentlich nur darum dreht, Dinge zu kaufen und irgendwo unterzubringen, die wir selten bis gar nicht benutzen.

Er kam aus Osterholz-Scharmbeck, war gerade wieder unterwegs und hatte noch kein festes Ziel. Zumindest keines, welches er mir verraten hätte. Vorhin hatte er in der kleinen Pizzeria gegessen. Jetzt wollte er weiterfahren. Ich bedankte mich für den Einblick und ging ein paar Schritte zurück. Kurz darauf sprang der Motor an. Der Blinker setzte sich klackend in Bewegung. Dann fuhr der Sprinter auf die Hauptstraße und verschwand langsam zwischen den anderen Autos. Wahrscheinlich werde ich diesen Mann nie wiedersehen. Aber etwas blieb. Vielleicht eine Idee. Vielleicht eine Vorstellung davon, dass ein Leben auch anders aussehen kann. Nicht unbedingt besser. Nicht unbedingt schlechter. Einfach anders. Während ich weiterging, dachte ich darüber nach, wie wenig sich eigentlich in diesem Fahrzeug befand. Eine kleine Küche. Ein Bett. Ein Fahrrad. Ein paar Schränke. Mehr hatte ich jedenfalls nicht gesehen. Und trotzdem wirkte er nicht wie jemand, dem etwas fehlte. Eher wie jemand, der irgendwann beschlossen hatte, dass genug eben genug ist. Natürlich wird auch er Probleme haben. Wahrscheinlich sogar dieselben wie wir alle. Rechnungen. Sorgen. Schlechte Tage. Dinge, die nicht funktionieren. Menschen, die anstrengend sind. Aber er wirkte nicht wie jemand, der darauf wartete, irgendwann einmal zu leben. Er wirkte wie jemand, der bereits damit angefangen hatte.