YOU VS. YOU

4:30 Uhr. Laufschuhe. Los.

Laufen ist eigentlich erstaunlich ähnlich wie Therapie. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass bei der Therapie meistens jemand zuhört und beim Laufen irgendwann die eigenen Knie weh tun. Am Anfang muss ich mich jedes Mal überwinden. Nicht viel. Aber genug, um kurz darüber nachzudenken, ob heute vielleicht auch ein guter Tag wäre, einfach zu Hause zu bleiben. Kaffee trinken. Aus dem Fenster gucken. Eventuell kurz zum Laden gehen, eine Banane essen und das bereits als sportliche Aktivität zu verbuchen. Doch dann laufe ich trotzdem los.

Die ersten Kilometer sind grundsätzlich beschissen. Immer. Der Körper verhält sich dabei wie ein Mitarbeiter kurz nach dem Urlaub. Nichts funktioniert richtig. Alles protestiert. Die Beine fühlen sich schwer an. Die Atmung klingt, als würde irgendwo im Inneren eine echt alte Eisenbahn versuchen, einen Berg hochzukommen. Und natürlich die Geschichte im Kopf. Die ersten Minuten sind bei mir wie ein eigener True-Crime-Podcast. Nur ohne Sprecher. Die Gedanken kommen einfach. Ungefragt. Wild durcheinander. Man denkt über Dinge nach, die im normalen Leben vermutlich nie eine Rolle spielen würden. Warum heißen manche Menschen eigentlich Frank? Wer schaut ein Baby an und denkt: Das ist eindeutig ein Frank. Gleichzeitig fällt einem auf, dass man selbst Torsten heißt und damit in Sachen Coolness vermutlich nicht in der Position ist, andere Namen zu bewerten. Danach wird es meist noch seltsamer. Man erinnert sich plötzlich an peinliche Situationen von vor zwölf, dreizehn Jahren. An Gespräche, die längst vorbei sind. An Menschen, die man ewig nicht gesehen hat. Man beginnt innerlich Diskussionen zu führen, die nie stattgefunden haben. Gewinnt sie natürlich haushoch. Verliert manchmal aber auch. An manche Abende erinnert man sich erstaunlich gut. An andere überhaupt nicht. Was rückblickend vielleicht auch besser ist.

Parallel dazu meldet sich der innere Schweinehund zu Wort. Ein erstaunlich engagierter Typ. Er erklärt mir regelmäßig, dass dieser Lauf vollkommen unnötig sei. Dass niemand gezwungen werde, durch die Gegend zu rennen. Dass Spazierengehen völlig ausreiche. Dass man Gesundheit auch über Ernährung erreichen könne. Und dass ein Käsebrötchen im Grunde ebenfalls eine Art Belohnungssystem sei. Die Argumente wirken oft überraschend plausibel. Und irgendwo zwischen Kilometer drei und vier passiert dann aber etwas Merkwürdiges.

Der Lärm im Kopf wird leiser.

Gedanken, die eben noch durcheinandergerannt sind wie Menschen beim Umsteigen in Hannover, beginnen sich zu sortieren. Alles wird klarer. Ruhiger. Als würden sich langsam Wolken auflösen und dahinter etwas auftauchen, das die ganze Zeit da war. Plötzlich fallen einem Lösungen ein. Ideen. Sätze. Dinge, über die man tagelang nachgedacht hat, wirken auf einmal erstaunlich einfach. Der Körper läuft mittlerweile von allein. Die Atmung findet ihren Rhythmus. Selbst die Beine scheinen einzusehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Typ gibt eh nicht auf.  Und irgendwann kommt dann dieses berühmte Runners High. Man fühlt sich leichter. Wacher. Fast ein bisschen euphorisch. Nicht übertrieben. Eher so, als hätte jemand die Welt einen Tick heller gestellt. Im Grunde ist das wie Kiffen. Nur ohne Lachen. Dafür mit deutlich mehr Schweiß. Und am Ende steht man wieder vor seiner Haustür und denkt: War eigentlich ganz gut.

Heute Morgen war ich wieder unterwegs. Um 4:30 Uhr bin ich losgelaufen. Eine Stunde und zehn Minuten später hatte ich etwas mehr als zehn Kilometer auf dem Tacho. Keine Bestzeit. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das mittlerweile auch weniger als früher. Zehn Kilometer sind zehn Kilometer. Die müssen erst einmal gelaufen werden. Danach kam das übliche Programm. Duschen. Kaffee. MacBook aufklappen. Arbeiten.

Draußen zieht sich der Himmel inzwischen langsam zu. Vor einer Stunde war noch alles klar. Jetzt schieben sich graue Wolken vor das Blau. Es sieht ein wenig nach Regen aus. Vielleicht kommt er. Vielleicht auch nicht. Wetterberichte sind manchmal erstaunlich optimistisch und gleichzeitig komplett ahnungslos. Im Kopf sieht es heute jedenfalls anders aus. Ruhiger. Klarer. Dabei weiß ich natürlich, dass das auch anders sein könnte. Es gibt Tage, da zieht nicht nur draußen etwas auf. Da wird es auch im Kopf unruhig. Gedanken kreisen. Dinge wirken beschissener, als sie eigentlich sind. Man denkt zu viel nach. Über Vergangenes. Über Zukünftiges. Über Dinge, die man ohnehin nicht ändern kann. Der Unterschied ist, dass ich mittlerweile weiß, was hilft. Nicht immer. Aber meistens. Laufen. Bewegung. Sport. Einfach losgehen, wenn der Kopf wieder anfängt, sich selbst Geschichten zu erzählen.

Das Verrückte ist, dass man das irgendwann verinnerlicht. Man diskutiert dann nicht mehr stundenlang mit sich selbst. Man steht auf. Zieht die Laufschuhe an. Schaut kurz auf die Uhr, stellt fest, dass normale Menschen um diese Uhrzeit vermutlich noch schlafen, und läuft trotzdem los. Nicht, weil man besonders diszipliniert wäre. Sondern weil man inzwischen weiß, wie man sich danach fühlt.

Arda Saatçi hat einmal gesagt: „You vs. You.“ Ich weiß nicht mehr, in welchem Video das war. Aber der Satz ist hängen geblieben. Und genau so fühlt es sich oft an. Nicht wie ein Wettkampf gegen andere Menschen. Nicht gegen die Uhr. Nicht gegen irgendwelche Bestzeiten. Ich habe dabei nicht einmal das Problem aufzustehen. Wenn ich wach bin, bin ich wach. Manchmal nach sechs Stunden. Manchmal nach fünf. Dann bin ich ausgeschlafen. Im Bett liegen bleiben kann ich ohnehin nicht. Mein Kopf betrachtet Schlaf ja meist als eine grobe Empfehlung. Der eigentliche Kampf beginnt erst danach. Wenn die Laufschuhe im Flur stehen. Wenn der Kaffee noch eine verlockende Alternative wäre. Wenn draußen alles dunkel ist und absolut nichts darauf hindeutet, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, freiwillig zehn Kilometer zu laufen. Genau dann fällt die Entscheidung. Nicht gegen andere. Sondern für sich selbst. Heute Morgen habe ich sie wieder getroffen.