Lass sie.
Weniger Kontrolle. Mehr Ruhe.
Unser Gehirn ist ja eigentlich ein erstaunlich vernünftiges Organ. Solange alles ruhig läuft natürlich. Dann sitzt vorne im Gehirn der präfrontale Kortex am Steuer, schaut sich die Dinge an, analysiert Situationen und tut so, als wären wir emotional halbwegs erwachsene Menschen. Wir denken nach, entscheiden logisch und bleiben komplett gelassen. Im Idealfall zumindest. Kacke wird es immer dann, wenn irgendetwas passiert, das uns stresst. Eine Nachricht. Ein Satz. Schweigen kann auch so etwas sein. Andere Menschen können mit wirklich kleinen Dingen komplette innere Bürgerkriege in uns auslösen. Und plötzlich übernimmt nicht mehr der vernünftige Teil des Gehirns, sondern die Amygdala. Eine Art eingebautes Alarmsystem aus der Steinzeit. Zuständig für Überleben, Panik und für die feste Überzeugung, dass jetzt sofort irgendetwas getan werden muss. Kämpfen oder flüchten. Diskutieren. Rechtfertigen. Analysieren. Noch mehr analysieren.
Jetzt gerade sitze ich einfach in einem Café. Neben mir steht ein großer Becher Kaffee. Daneben ein belegtes Brötchen, das ungefähr doppelt so gesund aussieht, wie es vermutlich ist. Durch das Fenster fällt Sonne auf die Holztische und draußen laufen Menschen vorbei, die irgendwo hinmüssen. Manche tragen Anzüge. Manche Jeansjacken. Andere laufen nur im T-Shirt herum, obwohl morgens eigentlich noch Jackenwetter war. Menschen treffen mitunter erstaunlich optimistische Temperaturentscheidungen. Am Tresen bestellt ein Mann mit beeindruckender Ernsthaftigkeit einen großen Kaffee, als wäre das gerade die wichtigste Entscheidung seines bisherigen Tages. Ist es wahrscheinlich auch. Zwei ältere Frauen unterhalten sich über irgendeine Nachbarin, die offenbar seit Kurzem „komplett anders geworden“ ist. Menschen beobachten Veränderungen bei anderen oft mit der Leidenschaft von Hobbydetektiven. Und während ich hier sitze, merke ich langsam wieder etwas ziemlich Beruhigendes. Die meisten Dinge, die mich verrückt machen, passieren gar nicht wirklich. Sie passieren vor allem in meinem Kopf. Dort laufen Gespräche, die nie stattgefunden haben. Diskussionen. Rechtfertigungen. Erwartungen. Ganze Netflix-Serien aus Interpretationen. Dabei gehen draußen einfach Menschen einkaufen. Jemand holt Brot. Jemand telefoniert. Jemand lacht. Die Welt dreht sich vollkommen unbeeindruckt weiter und ehrlich gesagt interessiert sich kaum jemand wirklich für mich. Voll gut eigentlich.
Ich denke mittlerweile, genau das ist einfach wichtig zu begreifen. Es ist überaus wichtig, andere Menschen einfach machen zu lassen. Oder sie sein zu lassen. Ich glaub, so sagt man es. Nicht jedem Gefühl hinterherzurennen wie ein Hund einem Tennisball. Nicht jede Veränderung persönlich zu nehmen. Nicht überall Bedeutung hineinzuinterpretieren, nur weil das eigene Gehirn nachts plötzlich beschlossen hat, alles bis aufs kleinste Detail hinterfragen zu müssen. Menschen gehen. Menschen melden sich weniger. Manche verlieren Interesse. Manche verstehen einen falsch. Manche wollen Dinge, die man selbst nicht will. Und ehrlich gesagt ist das vermutlich vollkommen normal. Schwer wird es immer erst dann, wenn man versucht, alles kontrollieren zu wollen. Beziehungen. Gespräche. Situationen. Die Stimmung anderer Menschen. Der Kaffee neben mir ist inzwischen lauwarm geworden. Perfekt eigentlich. Draußen schiebt jemand einen Kinderwagen vorbei. Ein Lieferwagen hält vorm Café. Der Mann, der aussteigt, hat Blumen dabei. Irgendwo fällt Geschirr zu laut ineinander. Und plötzlich wirkt alles erstaunlich einfach. Ich lerne gerade, dass ich nicht auf alles Einfluss habe. Nicht alles kontrollieren kann. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Und vielleicht reicht es manchmal wirklich, Menschen einfach Menschen sein zu lassen.
Die Sache, warum ich am Anfang die Sache mit dem Gehirn, dem präfrontalen Kortex und der Amygdala erwähnt habe, ist folgende: Bei mir springt seit einiger Zeit deutlich öfter die Amygdala an. Überlebensmodus. Fluchtmodus. Der ganze Bums. Ich interpretiere alles und jeden, schaue Menschen an, wie sie gehen, stehen, schauen. Höre zu und spiele in Gesprächen gedanklich sämtliche Möglichkeiten durch. Manchmal fühle ich mich wie Dr. Strange in „Avengers Infinity War“, der irgendwo im Schneidersitz sitzt und parallel mehrere Millionen mögliche Szenarien berechnet. Nur ohne Superkräfte. Dafür mit Schlafproblemen und zu viel Kaffee. Ich bin oft angespannt. Immer irgendwie in Unruhe. Und wahrscheinlich habe ich die letzten Jahre versucht, möglichst alles richtig zu machen. Hauptsache niemand ist enttäuscht. Hauptsache niemand denkt schlecht über mich. Hauptsache harmonisch. Mag man jetzt glauben oder nicht. Spielt ehrlich gesagt keine große Rolle. Denn seit Anfang dieser Woche übe ich etwas Neues. Etwas überraschend Einfaches. Andere Menschen einfach sein zu lassen. Das klingt erstmal platt. Fast schon zu platt. Ist es aber überhaupt nicht.
Ich glaube ja, dass manche Menschen erstaunlich viel Energie darauf verwenden, Dinge kontrollieren zu wollen, die komplett außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Antworten. Aufmerksamkeit. Gefühle anderer Menschen. Sympathie. Stimmung. Erwartungen. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich selbst genau so ein Mensch bin. Oder zumindest lange war. Vielleicht auch immer noch ein bisschen bin. Man wartet auf Nachrichten und schaut alle sieben Minuten aufs Handy, als würde dort demnächst ein wichtiger NATO-Einsatz koordiniert werden. Dabei hat die andere Person vielleicht einfach nur ihr Handy auf lautlos gestellt und sitzt gerade irgendwo bei Ikea zwischen Teelichtern, Köttbullar und innerer Erschöpfung oder interessiert sich längst nicht mehr für einen. Ich glaube, viele von uns laufen permanent mit diesem unsichtbaren Gefühl herum, nicht genug zu sein. Nicht interessant genug. Nicht wichtig genug. Nicht lustig genug. Und deshalb versucht man ständig gegenzusteuern. Noch netter sein. Noch verständnisvoller. Noch mehr erklären. Noch mehr kämpfen. Hier einladen, da etwas bezahlen. Und dabei merkt man gar nicht mehr, wie anstrengend das irgendwann wird. Für den Kopf. Für den Körper. Für alles.
Früher hab ich ja auch immer geglaubt, Stark sein bedeutet, Dinge festzuhalten. Menschen. Beziehungen. Gespräche. Harmonie. Freundschaften. Jetzt realisiere ich langsam, Stärke bedeutet oft eher, all das nicht mehr mit Gewalt zusammenhalten zu wollen. Jemand antwortet nicht mehr auf meine Nachrichten? Egal. Jemand versteht mich falsch? Nicht meine Verantwortung. Menschen halten mich für arrogant, ruhig, komisch oder zu zurückgezogen? Lass sie. Menschen, von denen ich dachte, sie wären Freunde, verlieren ihr Interesse an mir? Lass sie. Jemand meldet sich nur, wenn er gerade einsam ist oder etwas braucht? Ich muss nicht darauf reagieren. Jemand denkt, ich sei unfreundlich, weil ich nicht ständig erreichbar bin? Lass sie. Jemand ist nicht meiner Meinung? Das ist okay. Jemand geht? Ich halt die Tür auf. Das Alles bedeutet ja nicht, dass einem alles egal wird. Eher das Gegenteil. Man beginnt nur langsam zu verstehen, dass Frieden manchmal dort anfängt, wo man aufhört, ständig alles beeinflussen zu wollen.
Seit ein paar Tagen beobachte ich Menschen deshalb anders. Ruhiger vielleicht. Da draußen läuft ein Mann mit AirPods und blauer Steppweste an dem Café vorbei, als hätte er direkt im Anschluss noch ein wichtiges Meeting. Zwei Jugendliche sitzen auf einer Bank und schauen gemeinsam aufs Handy. Eine Frau telefoniert gestikulierend mit jemandem und wirkt gleichzeitig genervt und liebevoll. Menschen sind kompliziert. Widersprüchlich. Emotional. Manchmal anstrengend. Oft überfordert. Vermutlich genau wie ich. Und vielleicht besteht das ganze Geheimnis tatsächlich einfach darin, nicht mehr überall eingreifen zu wollen. Nicht jedes Schweigen zu analysieren. Nicht jedem Menschen hinterherzulaufen, der einen missversteht oder gehen möchte. Man darf Menschen wirklich einfach Menschen sein lassen. Und sich selbst vielleicht auch. Lass sie. Und lass mich. Für mich ist das jedenfalls der richtige Weg.