Großstadt.
Stress mit Straßenbahnanschluss.
Großstädte? Alter, die überfordern mich komplett. Allein schon beim bloßen Zuschauen. Nicht einmal wegen der Menschenmengen. Eher wegen dieser permanenten Gleichzeitigkeit von allem. Die Polizei brettert irgendwo durch die Innenstadt. Lieferdienste bringen irgendwelche Sachen in Windeseile. Und dann diese Menschen mit AirPods und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleichzeitig eine Firma leiten, einen Podcast aufnehmen und innerlich kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen. Natürlich Presslufthammer. Eine Straßenbahn klingelt schon fast aggressiv. Jemand telefoniert auf Lautsprecher. Warum machen Menschen das eigentlich? Niemand hat jemals gedacht, hoffentlich bekomme ich heute noch das komplette Streitgespräch zwischen Hubert und seiner Rentenkasse mit. Jeder Hubert steht natürlich kurz vor der Rente, muss man dazu sagen. Der Name ist so alt, der schuldet Jesus noch drei Ziegen. Naja. Jedenfalls glaube ich, mich überfordert vor allem, dass Großstädte keine Pausen machen. Dörfer haben Pausen. Wälder sowieso. Selbst kleine Städte wirken manchmal, als würden sie gegen halb acht kollektiv beschließen, dass ab 18:38 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Großstädte dagegen wirken selbst nachts noch wie Menschen, die zu viel Kaffee hatten und sich dann eingeredet haben, Schlaf wäre lediglich eine Meinung. Keine Notwendigkeit.
Und trotzdem verstehe ich die Faszination von Großstädten. Wirklich. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Irgendwo eröffnet ein neues Restaurant. Neue Menschen ziehen in die Stadt. Neues Leben vielleicht. In der Seitenstraße neben dem Gemüseladen gibt es dieses angesagte Café, in dem der Cappuccino ungefähr so viel kostet wie früher ein kleiner Gebrauchtwagen. Natürlich nur Kartenzahlung und die Bestellungen laufen auf englisch. Zwei Straßen weiter sitzt jemand morgens um elf mit Sonnenbrille und Aperol draußen, als hätte er beruflich einfach beschlossen, keinen Stress mehr mit der Realität zu haben. Hinter dem Bahnhofsgebäude haben zwei Menschen Sex, während sich vorne am Taxistand gleichzeitig ein Ehepaar anschreit, weil irgendwer „schon wieder nichts gesagt hat“. Großstädte schaffen es erstaunlich leicht, gleichzeitig nach frischen Croissants, teurem Parfum, Urin und leicht feuchter U-Bahn-Station zu riechen. Irgendwo probiert eine High-Society-Dame in einem perfekt ausgeleuchteten Geschäft gerade Düfte aus, die Namen tragen wie „Midnight Velvet“ oder „Bois Impérial“, während drei Straßen weiter ein Mann mit nacktem Oberkörper einen Einkaufswagen durch die Gegend schiebt und sehr laut Diskussionen mit Menschen führt, die vermutlich nur er sehen kann. Alles existiert gleichzeitig. Reich. Kaputt. Schön. Laut. Einsam. Genau das fasziniert Menschen wahrscheinlich daran.
Ich merke jedenfalls ziemlich schnell, dass ich dort eigentlich nicht hingehöre. Ich bin auf dem Land groß geworden. Zwischen Ackerflächen, die so groß waren, dass man als Kind dachte, dahinter würde eh nie etwas Neues beginnen. Menschen sah man dort eher selten. Höchstens auf Traktoren. Bei der Ernte. Beim Güllefahren oder irgendwo am Feldrand während der Jagdsaison. Wenn bei uns jemand hupte, hatte das meistens einen konkreten Grund und war kein emotionaler Dauerzustand. Vielleicht fühlt sich für mich genau deshalb in Großstädten alles permanent ein bisschen zu schnell an. Zu dicht. Zu laut. Menschen laufen dort oft herum, als wären sie auf dem Weg zu etwas unglaublich Wichtigem. Immer mit diesem Blick, als würden die nächsten fünf Minuten über ihre komplette Zukunft entscheiden. Ich dagegen suche nach ungefähr zwanzig Minuten meistens hektisch irgendeinen ruhigen Ort. Einen kleinen Park. Einen Baum. Irgendetwas, das aussieht, als dürfte ich dort kurz normal atmen. Und sobald irgendwo zwischen Beton plötzlich ein Stück Grün auftaucht, freue ich mich bereits völlig unangemessen darüber. „Ach guck. Eine Bank im Schatten.“ Mehr brauche ich manchmal gar nicht. Das ist vermutlich auch eine Art Persönlichkeitstest.
Am anstrengendsten finde ich allerdings Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Diese Mischung aus Hektik, Musik aus offenen Ladentüren und Menschen, die plötzlich mitten im Weg stehen bleiben, als hätten sie zwischen H&M und Douglas gerade eine spirituelle Erleuchtung erfahren. Dazu Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster. Ätzend. Ein Geräusch, das innerhalb von ungefähr vier Sekunden Aggressionen auslösen kann, die sonst vermutlich nur beim Kontakt mit Druckern oder Hotlines entstehen. Und dann diese seltsame Anspannung, die Großstädte nachts manchmal haben. Vielleicht bilde ich mir das ein. Wahrscheinlich sogar. Aber es gibt dort Menschen, denen man automatisch lieber aus dem Weg geht. Menschen, bei denen der Kopf sofort irgendwelche Geschichten erfindet, obwohl sie vermutlich einfach nur nach Hause wollen. Trotzdem läuft man plötzlich aufmerksamer. Blickt kurz über die Schulter. Wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Eher instinktiv. Ich merke dann immer, wie unterschiedlich Angst eigentlich sein kann. Im Wald habe ich nie dieses Gefühl. Selbst nachts nicht. Ein dichter, dunkler Wald fühlt sich für mich oft sicherer an als eine beleuchtete Fußgängerzone in irgendeiner Großstadt. Vielleicht weil Wälder ehrlich sind. Dort raschelt es und entweder ist es ein Reh oder im schlimmsten Fall etwas, das mich in Ruhe lassen will, sobald es merkt, dass ich genauso wenig Lust auf Stress habe. Städte dagegen wirken manchmal, als würden Menschen dort permanent kurz davor stehen, entweder eine Karriere zu starten oder völlig grundlos auszurasten. Und ehrlich gesagt begegne ich dann lieber einem Wolf im Wald als irgendeinem aggressiven Typen vor einem Späti nachts um halb eins.
Ich bin einfach kein Großstadtmensch. War ich nie. Werde ich nie sein. Ich mag Orte, an denen man morgens noch Vögel hört und nicht direkt irgendeinen Lieferwagen rückwärts piepen. Orte, an denen Luft nach Regen riecht und nicht nach heißem Asphalt, Frittierfett und Stress. Ich mag Cafés, in denen einfach Kaffee verkauft wird und nicht gleichzeitig noch handgetöpferte Tassen, fermentierte Hafermilch und ich einen Workshop zur persönlichen Entfaltung buchen kann. In Großstädten hat man manchmal das Gefühl, selbst ein einfaches Weizenbrötchen muss erstmal ein Konzept besitzen, bevor es verkauft werden darf. Ich mag Orte, an denen Menschen auch mal die Fresse halten können, ohne sofort hektisch aufs Handy zu schauen, als hätte die Welt in den letzten sieben Sekunden eventuell aufgehört zu existieren. Orte, an denen ein Spaziergang einfach ein Spaziergang ist und keine „Mindful Walking Experience“. Vielleicht liegt das wirklich daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit Feldern. Mit Wind. Mit diesen riesigen Ackerflächen, auf denen manchmal stundenlang einfach gar nichts passiert ist. Außer vielleicht irgendwo ein Trecker. Und ehrlich gesagt fand ich genau das immer ziemlich beruhigend. Finde ich immer noch. In Großstädten dagegen wirkt Ruhe oft wie etwas, das man teuer buchen muss. Dachterrasse. Rooftop-Bar. Urban Retreat. Irgendwelche Menschen sitzen dann zwischen Betonpflanzen und Designerlampen und tun so, als hätten sie gerade die Stille erfunden, während unter ihnen drei Krankenwagen, zwei Polizeiautos und ein Mann namens Kevin emotional eine Work-Life-Balance-Diskussion führt.
Ganz ehrlich? Ich finde es vollkommen okay, dass ich das nicht brauche. Manche Menschen wollen Skyline. Clubs. Menschenmengen. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Ich dagegen brauche eher einen Feldweg. Rehe, Wälder, Flüsse. Vielleicht einen Kaffee in der Hand und irgendwo einen Baum, der seit hundert Jahren exakt dieselbe entspannte Energie ausstrahlt. Jedenfalls sind das exakt die Gedanken, die ich mir momentan mache, während ich abends durch Immobilienportale scrolle und Wohnungen vergleiche. Großstadt ist dabei inzwischen komplett raus. Ehrlich. Eher hänge ich tot über einem Weidezaun, als freiwillig jeden Morgen zwischen E-Scootern, Presslufthämmern und Menschen aufzuwachen, die ihren Matcha-Latte behandeln wie ein Persönlichkeitsmerkmal.