Elf Stunden.
Vielleicht beginnt genau jetzt etwas Gutes.
Zu Hause. Dort wartete diesmal allerdings nicht einfach nur Alltag. Eher dieses merkwürdige Gefühl, irgendwo zwischen Abschied und Neuanfang zu stehen. Viele Dinge, die vor ein paar Monaten noch selbstverständlich wirkten, tun das plötzlich nicht mehr. Keine eigene Wohnung. Die Erkenntnis, dass sich in den nächsten Monaten vermutlich vieles verändern wird. Ein anderer Ort vielleicht. Ein neuer Job. Neue Routinen. Andere Wege morgens. Andere Geräusche vor dem Fenster. Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken auch die Vorstellung von einem Leben ohne Hund. Ein Gedanke, der noch immer seltsam klingt.
Während ich gestern im Zug saß und draußen langsam wieder die norddeutsche Landschaft vorbeizog, merkte ich irgendwann, dass mir all das erstaunlich wenig Angst macht. Früher dachte ich ja immer, Stabilität würde bedeuten, alles festzuhalten. Beziehungen. Orte. Gewohnheiten. Hauptsache, es bleibt, wie es war. Heute glaube ich langsam, dass Menschen sich manchmal verändern wie Landschaften hinter Zugfenstern. Erst merkt man es kaum. Ein paar Häuser weniger. Mehr Felder. Andere Straßen. Und irgendwann schaut man raus und versteht, dass man längst woanders angekommen ist. Vielleicht ist genau das gerade dieser neue Lebensabschnitt. Wie eine Tür, die irgendwann zufällt, während ich längst aufgehört habe, sie offen halten zu wollen. Und ehrlich gesagt liegt in diesem Gedanken auch etwas Erleichterndes. Dieses gute Gefühl, manchen Menschen wahrscheinlich nie wieder wirklich begegnen zu müssen. Keine künstlichen Gespräche mehr. Kein ständiges Erklären. Kein Festhalten an Dingen, die innerlich längst vorbei sind. Gestern zwischen Ulm, Bremen und einem viel zu teuren Bordbistro-Kaffee hatte ich irgendwann nicht mehr das Gefühl, irgendwohin zurückzufahren. Sondern eher das Gefühl, langsam Anlauf für etwas Neues zu nehmen. Vielleicht braucht es manchmal genau solche langen Zugfahrten, damit der Kopf überhaupt hinterherkommt. Stunden, in denen draußen Landschaft vorbeizieht und man selbst merkt, dass man gedanklich längst dabei ist, Dinge loszulassen, die man viel zu lange mit sich herumgetragen hat.
Als ich um 20:11 Uhr schließlich wieder in Bad Zwischenahn ausstieg, war alles wie immer. Der Bahnsteig. Die Luft. Die Straßen. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Nicht traurig. Eher ruhig. Fast so, als hätte diese Reise nicht nur Kilometer hinter sich gelassen, sondern auch ein paar Dinge, die ohnehin nicht mehr mitkommen sollten. Gertrud öffnete den Kofferraum, als wäre es der selbstverständlichste Moment der Welt. Und vielleicht war genau das gestern das Schönste überhaupt. Nach fast elf Stunden Zugfahrt von jemandem abgeholt zu werden, der einfach da ist.
Dieser Mittwoch fühlt sich heute seltsamerweise wie ein Montag an. Ich sitze am MacBook, gestalte eine Verpackung für ein „Schwarzer Peter“-Spiel, lese E-Mails, plane einen Beitrag für den morgigen Feiertag und schreibe Texte. Im Grunde mache ich genau das, was ich jeden Tag mache. Und trotzdem fühlt sich gerade vieles anders an. Zwischendurch klicke ich mich durch Jobportale, schaue mir Wohnungen an und frage mich, wie dieses neue Leben eigentlich aussehen soll. Welche Region, welcher Ort. Welche Wohnung. Welche Menschen. Seltsamerweise fühlt sich genau diese Unsicherheit gerade deutlich ehrlicher an als vieles, das vorher vermeintlich sicher war. Vielleicht sollte ich spazieren gehen. Einfach raus. Den Kopf freibekommen. Der Nachmittag ist ohnehin längst verplant. Termine. Dinge erledigen. Antworten schreiben. Alltag eben. Und trotzdem merke ich, wie sehr mir diese Ruhe aus den Bergen fehlt. Nicht Freizeit. Eher dieses Gefühl von Weite im Kopf. Dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und für einen Moment nicht sofort an Probleme, Entscheidungen oder die nächsten Wochen denken zu müssen.
Vielleicht suche ich gerade genau das. Keine perfekte Wohnung. Kein perfektes Leben. Sondern einfach einen Ort, an dem wieder Ruhe möglich wird. Ein Ort, an dem sich Dinge nicht ständig schwer anfühlen. An dem ich nicht ständig das Gefühl habe, Platz wegzunehmen oder mich erklären zu müssen. Ich glaube, das wird jetzt mein nächstes Ziel.
Draußen scheint inzwischen die Sonne. Dieses warme Licht, das plötzlich durch Fenster fällt und Räume sofort freundlicher wirken lässt, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat. Auf dem Tisch steht noch eine halbe Tasse Kaffee. Der Bildschirm leuchtet. Irgendwo wartet noch Arbeit. E-Mails. Entscheidungen. Dinge, die erledigt werden müssen. Und trotzdem fühlt sich gerade alles etwas leichter an als noch vor ein paar Wochen. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr versuche, irgendetwas mit Gewalt festzuhalten. Vielleicht, weil diese Reise mir gezeigt hat, dass sich selbst größere Veränderungen irgendwann einfach wie Leben anfühlen. Nicht wie Katastrophen. Eher wie Wege, die man lange nicht gehen wollte und die plötzlich trotzdem ganz okay aussehen.
Die Berge sind weit weg. Der Alltag wieder da. Aber irgendwo zwischen Oberstdorf, langen Zugfahrten und diesem seltsamen Mittwoch habe ich gemerkt, dass meine Vorfreude langsam zurückkommt. Auf neue Orte. Neue Routinen. Neue Geschichten vielleicht. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Ich glaube, ich ziehe jetzt gleich einfach meine Schuhe an und gehe noch eine Runde raus. Vielleicht kaufe ich Schokolade. Vielleicht auch nicht.