Fingerabdrücke.

Reisetagebuch VI

Dienstag. 6:30 Uhr. Oberstdorf. Marktplatz 5. Draußen beginnt der Ort langsam wach zu werden. Irgendwo fährt bereits ein Lieferwagen über das Pflaster. Kisten klappern. Wahrscheinlich Brötchenlieferung oder Getränkekisten. In Orten wie diesem klingt selbst der Morgen irgendwie nach Handwerk. Die Berge selbst, stehen noch halb im Schatten und wirken so ruhig, als hätten sie mit menschlicher Hektik grundsätzlich nichts zu tun. Hier in der Wohnung riecht es nach frischer Luft und ein wenig nach Reinigungsmittel. Dieser sehr spezielle Geruch, der entsteht, wenn jemand kurz vor der Abreise beschlossen hat, plötzlich ein erstaunlich verantwortungsvoller Mensch zu sein. Im Ernst. Die Wohnung ist sauber. Wirklich sauber. Ich habe gesaugt, gelüftet, Oberflächen abgewischt und vermutlich gründlicher gereinigt als manche Menschen ihre eigene Wohnung vor Weihnachten. Die Betten sind gemacht. Der Müll ist rausgebracht. Selbst der Wasserkocher sieht aus, als hätte er nie gearbeitet. Falls hier irgendwo noch Fingerabdrücke von mir existieren, dann wahrscheinlich nur an der Türklinke. Und selbst dort müsste man schon sehr motiviert suchen. CSI Oberstdorf hätte vermutlich wenig Freude an dieser Wohnung, wäre sie ein Tatort.

Ich weiß nicht einmal genau, ob man Ferienwohnungen überhaupt so verlässt. Wahrscheinlich werfen manche Menschen morgens einfach den Schlüssel auf den Tisch und verschwinden Richtung Autobahn. Aber hier war es mir wichtig. Vielleicht weil diese Reise mehr war als nur ein paar Tage wegfahren. Vielleicht weil Orte, an denen man plötzlich wieder ruhig schlafen kann, automatisch etwas mit einem machen. Und genau das ist vermutlich der schwierige Teil am Reisen. Nicht die Ankunft. Nicht das Unterwegssein. Sondern das Gehen. Niemand erzählt einem vorher, wie seltsam es sich anfühlt, einen Ort zu verlassen, an dem der eigene Kopf plötzlich wieder leiser geworden ist. Einen Ort, an dem man morgens aufgewacht ist, ohne sofort sämtliche Probleme des eigenen Lebens wie ein internes Krisenmeeting abzuhalten. Hier oben zwischen Bergen, Regen, Sonne Wanderwegen und diesen wahnsinnig gut aussehenden Wiesen funktionierte das plötzlich erstaunlich gut. Vielleicht liegt es an den Bergen. Vielleicht daran, dass sie Menschen automatisch wieder in die richtige Größe rücken. Man läuft stundenlang bergauf, schwitzt in Kleidung, die morgens noch nach einer hervorragenden Idee aussah, setzt sich irgendwann auf eine Holzbank und schaut auf Täler hinunter, die aussehen, als hätte jemand versucht, Ruhe als Landschaft zu bauen. Und plötzlich wirken viele Dinge kleiner. Nicht unwichtig. Aber kleiner.

Die letzten Tage haben etwas verändert. Kein großes Kino. Kein „ich habe mich neu erfunden“. Eher leiser. Ehrlicher. Mehr wie: Da ist wieder Hoffnung. Wieder Lust auf Geschichten. Auf Fotos. Auf Wege. Auf Leben. Und ehrlich gesagt hätte ich selbst vor ein paar Wochen nicht gedacht, dass ich das mal so schreiben würde. Jetzt steht der Rucksack an der Tür. Die Reisetasche daneben. Der Schlüssel liegt bereit. Die Wohnung wirkt, als wäre nie jemand hier gewesen. Und trotzdem bleibt etwas zurück. Wahrscheinlich immer. Vielleicht hinterlässt jeder Mensch an Orten, die er wirklich mochte, irgendeine unsichtbare Spur. Etwas zwischen Erinnerung und Gefühl. Selbst wenn die Fingerabdrücke längst weggewischt sind. Und der schwierige Teil beginnt vermutlich ohnehin erst nach der Rückfahrt. Alltag. Realität. Alles, was wartet. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich das nicht mehr ausschließlich schwer an. Auf diesem Blog werde ich das zukünftig festhalten. Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern ehrlich. Weil ich glaube, dass ich jetzt aufhören muss, ständig nur zu funktionieren und anfangen sollte, mich selbst wieder wichtig zu nehmen. Ich denke, genau das ist hier oben passiert. Zwischen Oberstdorf, Regenwolken, Sonnenstrahlen, Kuhglocken, Mittagessen vom Netto und Männern in Wanderjacken mit genug Taschen für eine mittelgroße Existenzkrise. Ich glaube, ich habe hier oben wieder angefangen, mich selbst ernst zu nehmen. Endlich wieder.

Was ich außerdem mitnehmen werde, ist Dankbarkeit. Ehrliche Dankbarkeit. Für das Erlebte. Für die Menschen, die mir diese Reise überhaupt erst ermöglicht haben. Für Gespräche. Für Wege. Für diese paar Tage Abstand und diesem seltsamen Gefühl, plötzlich wieder klarer denken zu können. Vielleicht sogar Dankbarkeit für Dinge, die nicht funktioniert haben. Und das hätte ich vor einiger Zeit wahrscheinlich selbst noch für ziemlichen Kalenderspruchquatsch gehalten. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger klingt das nach einem Satz aus einem Wandtattoo-Regal. Vielleicht stimmt das wirklich. Vielleicht besteht ein großer Teil des Lebens nicht darin, ständig irgendetwas zu erreichen, sondern zu lernen, Dinge anzunehmen, ohne sofort mit ihnen zu kämpfen. Loszulassen, ohne alles direkt als Niederlage zu empfinden.

Als ich mich am ersten Tag hier verlief, kam ich nicht bei der Breitachklamm an. Ich stand irgendwann irgendwo zwischen Wiesen, Wanderwegen und meinem offensichtlich nur mittelmäßig ausgeprägten Orientierungssinn und musste feststellen, dass Berge Menschen sehr zuverlässig daran erinnern, wie wenig Kontrolle sie eigentlich besitzen. In der Nacht darauf regnete es. Und genau deshalb erlebte ich die Breitachklamm am nächsten Tag mit deutlich mehr Wasser, mehr Kraft und diesem dumpfen Donnern zwischen den Felsen, das man nicht nur hört, sondern beinahe spürt. Später wurde mir sogar gesagt, dass sie nach Regen am beeindruckendsten sei. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wie meistens Menschen, die ihr ganzes Leben in den Bergen wohnen und wetterfeste Gesichter besitzen.

Und als ich mit der Nebelhornbahn fahren wollte, war sie außer Betrieb. Wartungsarbeiten nach dem Gesetz. Natürlich war ich enttäuscht. Ich wollte auf den Gipfel. Ich wollte ankommen. Wahrscheinlich mögen Menschen deshalb überhaupt Berge. Wegen dieses Gefühls, oben zu stehen und sagen zu können: geschafft. Stattdessen ging ich zu Fuß und entdeckte diese Wasserfälle am Rand des Wanderweges. Klares Wasser. Laut. Kalt. Vollkommen unbeeindruckt von jeglichen, menschlichen Plänen. Ohne die gesperrte Bahn hätte ich dort vermutlich nie gestanden. Ich habe den Gipfel am Ende nicht erreicht. Und natürlich fühlt sich so etwas erstmal wie Scheitern an. Es gibt ja Menschen, die reden sich gern ein, sie wären völlig entspannt mit Niederlagen. Aber die meisten ärgern sich schon, wenn ein Joghurtdeckel schief aufgeht. Ich auch. Trotzdem vergisst man bei all diesen Vorstellungen vom „es schaffen“ oft einen wichtigen Teil, und zwar das Dinge manchmal auch deshalb nicht passieren, weil sie nicht passieren sollen.

Die Möglichkeit, auf dem Weg nach oben irgendwo auszurutschen, sich zu verletzen oder später von der Bergwacht eingesammelt zu werden, blendet man erstaunlich zuverlässig aus, solange man sich selbst gedanklich auf einem Gipfel stehen sieht. Vielleicht ist nicht jedes Scheitern automatisch ein Absturz. Vielleicht ist manches einfach nur eine Abzweigung. Eine Richtung, die man selbst nie gewählt hätte, die einen aber trotzdem irgendwohin führt, wo etwas Gutes wartet. Und vielleicht beginnt genau dort Dankbarkeit. Nicht wenn alles perfekt läuft. Sondern wenn man irgendwann versteht, dass selbst Umwege ihren eigenen Sinn haben können. Und vielleicht fängt Leben genau da erst richtig an.

Jetzt ist es kurz nach neun. Fast zweieinhalb Stunden habe ich hier gesessen, an diesem Text geschrieben, aus dem Fenster geschaut und zwischendurch Dinge wieder gelöscht, die plötzlich zu groß klangen. Gleich werde ich mein Macbook einpacken, den Tisch noch einmal abwischen und mich auf den Weg machen. Und wahrscheinlich werde ich später irgendwo im ICE nach Hannover einschlafen und einen großen Teil der Rückfahrt verpassen, weil ich seit vier Uhr wach bin. Ehrlich gesagt klingt selbst das gerade nach einem ziemlich guten Plan.