Linie 44
Reisetagebuch Teil III
Schon früh am Morgen klingt der Marktplatz, als würde irgendwo jemand irgendetwas ausschließlich aus Metall aufbauen. Stangen schlagen gegeneinander. Anhänger rumpeln über das Pflaster. Dazwischen Stimmen. Viele Stimmen. Menschen tragen Kisten durch die Gegend, bauen Pavillons auf, ziehen Planen glatt und stellen Waren so ordentlich hin, als hinge der Ruf ihrer gesamten Familie davon ab, dass der Bergkäse exakt im richtigen Winkel präsentiert wird. Vor der Kirche herrscht ein Durcheinander, das erstaunlich organisiert wirkt. Fahrer in groben Pickups rangieren Anhänger mit der Gelassenheit von Menschen, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als samstags irgendwo rückwärts einzuparken. Die Luft ist kühl. Frisch auf eine Weise, wie man sie in Städten eigentlich nicht kennt. In der Nacht zog ein ordentliches Gewitter über Oberstdorf. Der Regen hat die Straßen gewaschen und diese klare Morgenluft hinterlassen, die nach Regen auf Asphalt und feuchtem Holz riecht. Selbst die Häuser wirken an diesem Morgen ein bisschen sauberer. Als hätte jemand den ganzen Ort einmal kurz ausgeschüttelt.

Bis der Bus der Linie 44 um 10:30 Uhr am ZOB abfahren sollte, blieb mir noch Zeit, langsam über den Markt zu gehen. Also tat ich genau das. Käse lag in großen Laiben auf Holzbrettern. Schinken hing neben Würsten, die aussahen, als würden sie jeden Vegetarier zumindest kurz ins Grübeln bringen. Honig von heimischen Imkern wurde verkauft. Marmeladen. Selbstgemachtes. Dinge aus Holz. Dinge aus Stoff. Dinge, bei denen man nicht sofort wusste, wofür sie eigentlich gedacht waren, die aber trotzdem hochwertig wirkten. Es war kein einziger Stand dabei, der nach billigem Flohmarkt aussah. Niemand versuchte hier, kaputte VHS-Player oder alte Kabel für sieben Euro loszuwerden. Stattdessen wirkte alles, als hätte irgendjemand beschlossen, dass selbst ein Markt in den Bergen eine gewisse Würde behalten sollte. Später fuhr sogar die Feuerwehr auf den Platz. Große Fahrzeuge standen am Rande des Marktgeschehens. Drei Jungs rissen sich von ihren Eltern los und liefen sofort dorthin. Wahrscheinlich haben Kinder einen eingebauten Sensor für große, rote Feuerwehrfahrzeuge. Erwachsene übrigens auch. Sie tun nur oft so, als wäre das Interesse rein zufällig. Man erkennt es in den Augen. Immer.

„Der Winter ist vorbei“, rief eine Frau irgendwann laut über den Platz und begrüßte kurz darauf eine der Verkäuferinnen mit einer Umarmung, die wirkte, als hätten sich beide seit Monaten nicht gesehen. Wahrscheinlich stimmte das sogar. Es gibt ja Orte wie diesen, da scheint der Winter Menschen manchmal komplett verschwinden zu lassen, bis sie irgendwann im Frühling plötzlich wieder zwischen Marktständen, Käse und Blumen auftauchen, als wäre nie Zeit vergangen. Und während sie lachten und kurz mitten zwischen Würsten stehen blieben, grinste ein älterer Mann ein paar Meter weiter heimlich mit. Einfach so. Vielleicht, weil gute Laune ansteckend ist.

Breitachklamm
Dieses Mal wollte ich mich nicht verlaufen. Zumindest nicht absichtlich. Also lief ich nicht, sondern nahm den Bus. Die Linie 44 fährt vom ZOB in Oberstdorf direkt zur Breitachklamm. Ein erstaunlich beruhigender Satz für jemanden, dessen Orientierungssinn sich in den letzten Tagen mehrfach als eher optimistische Einschätzung seiner selbst herausgestellt hatte. Nun gut. Um viertel nach zehn stand ich am Busbahnhof. Aber nicht allein. Dort warteten bereits andere Menschen in Wanderschuhen. Manche mit Trekkingstöcken. Andere mit diesen hochwertigen Outdoorrucksäcken, die aussehen, als könnten sie gleichzeitig einen Alpensturm, drei Wochen Wildnis und eine mittelschwere Scheidung überstehen. So einer würde mir vermutlich auch gut stehen. Finanziell spielten diese Rucksäcke allerdings eher in einer anderen Liga. Familien standen zusammen. Rentnergruppen verglichen vermutlich Wanderzeiten oder Knieprobleme. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bei letzterem Thema später mit diskutieren könnte. Junge Paare hielten Thermobecher in den Händen und wirkten erstaunlich organisiert für einen Samstagmorgen. Und irgendwo mittendrin stand ich.
Die Breitachklamm kannte ich bis dahin eigentlich nur aus sozialen Netzwerken. Irgendwann tauchte zwischen völlig belanglosen Videos plötzlich ein Reel auf. Türkisfarbenes Wasser. Dramatische Felsen. Nebel zwischen den Wänden der Klamm. Dazu wahrscheinlich Indie-Folk-Musik und irgendein Mensch in beigefarbener Outdoorjacke, der bedeutungsvoll in die Natur blickte, als hätte er dort gerade den Sinn des Lebens entdeckt. Ehrlich gesagt verstand ich diese etwas übertriebene Dramaturgie bis dahin auch nicht wirklich. Später, unten zwischen den Felswänden der Breitachklamm, verstand ich sie plötzlich erstaunlich gut. Außerdem hatten mir am Mittwoch zwei liebe Menschen bei einer Tasse Ostfriesentee ziemlich eindringlich gesagt, dass ich dort unbedingt hin müsse. Also stand ich jetzt hier. Manchmal entstehen Reisen erstaunlich unspektakulär.
Um 10:32 Uhr kam der Bus. Leer. Gute fünf Minuten später war kein Platz mehr frei. Fast alle, die einstiegen, hatten offenbar dasselbe Ziel. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung. Vorbei an Wiesen, kleinen Häusern und Straßen, die vom Regen der Nacht noch dunkel glänzten. Hinter den Fenstern zogen Berge vorbei. Kühe. Holzzäune. Irgendwo hing noch Nebel zwischen den Hängen. Und während der Bus durch das Allgäu fuhr, entstand langsam dieses merkwürdige Gefühl zwischen Ruhe und Vorfreude. Kein großes Abenteuergefühl. Eher dieses Wissen, gleich an einen Ort zu kommen, an dem Wasser seit Jahrhunderten einfach durch Felsen drückt und Menschen davorstehen, als würden sie so etwas zum ersten Mal sehen. Ist wahrscheinlich sogar so.
Nach einigen Minuten Busfahrt war ich da. An dem Ort, an dem sich die Breitach über Jahrtausende durch massiven Fels gearbeitet hat. Klingt erst einmal nach einer langweiligen Unterrichtsstunde kurz vor den Sommerferien, fühlt sich vor Ort allerdings deutlich beeindruckender an. Schon am Eingang der Klamm verändert sich etwas. Die Luft wird kühler. Feuchter. Es riecht nach nassem Stein, Holz und diesem klaren, kalten Wasser, das aussieht, als hätte jemand sämtliche Blautöne etwas zu stark aufgedreht. Die Felswände ragen hoch auf, dass man automatisch nach oben schaut. Nicht aus Angst. Eher aus diesem instinktiven Bedürfnis heraus, kurz zu überprüfen, ob wirklich alles noch da bleibt, wo es seit Jahrhunderten offenbar schon steht. Die Wände wirken nicht instabil. Eher einschüchternd ruhig. Trotzdem gibt es Warnhinweise, dass Steinbrocken mal eben runterfallen können.
Und genau das ist wahrscheinlich das Beeindruckende an der Breitachklamm. Nicht irgendein einzelner Aussichtspunkt oder ein besonders fotogener Moment. Sondern dieses Gefühl beim Hindurchlaufen. Überall tropft Wasser von den Felsen. Das Rauschen begleitet einen die ganze Zeit. Und nach dem Gewitter der Nacht drückte die Breitach mit ordentlich Kraft durch die enge Schlucht. Nicht dieses beruhigende Plätschern, das Menschen gern als Einschlafgeräusch auf Spotify hören. Eher ein konstantes Hämmern aus Wasser, Stein und Bewegung. Und weil die Wege direkt in die Felswände gebaut wurden, läuft man teilweise wie durch einen Tunnel aus Geräuschen. Mal eng. Mal offen. Dann wieder nur Fels, Wasser und dieses dumpfe Dröhnen der Strömung. Ich musste hin und wieder ganz schön den Kopf einziehen.
Allein war ich dort natürlich nicht. Viele Menschen liefen durch die Klamm. Was mich allerdings wirklich wunderte war, dass die meisten sich erstaunlich schnell hindurch bewegten. Während ich immer wieder stehen blieb, nach oben sah oder einfach nur diesem Wasser zuschaute, marschierten andere an mir vorbei, als würde am Ende der Strecke kostenlos Kuchen verteilt. Vielleicht gab es dort tatsächlich Kuchen. Ich habe nicht nachgesehen. Trotzdem verliert die Klamm dadurch nichts von ihrer Wirkung. Dafür ist dieser Ort schlicht zu massiv. Zu echt.
Ein älterer Herr bemerkte vermutlich mein etwas dauerhaftes Staunen und blieb kurz neben mir stehen. Im Winter, erzählte er, sehe die Breitachklamm komplett anders aus. Dann hängen riesige Eiszapfen an den Wänden. Wasser gefriert mitten im Lauf. Alles wirke stiller. Fast unwirklich. Er meinte sogar, dass die Klamm im Winter schöner sei als im Sommer. Dafür natürlich deutlich kälter. Dann lachte er kurz und ging weiter, während ich noch darüber nachdachte, wie kalt „deutlich kälter“ an so einem Ort vermutlich wirklich bedeutet. Historisch ist die Klamm übrigens schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts erschlossen. Habe ich später gegoogelt. Zugegeben. Und früher war das Ganze deutlich gefährlicher. Heute führen sichere Wege und Stege durch die Schlucht, trotzdem merkt man diesem Ort noch an, dass er ursprünglich einfach rohe Natur war. Kein künstlich gebautes Erlebnis. Kein perfekt geplanter Aussichtspunkt. Sondern im Grunde nur Wasser gegen Fels. Und irgendwann gibt der Fels eben nach.
Natürlich habe ich Fotos gemacht. Ich kann gar nicht anders. Wahrscheinlich würde ich irgendwann selbst bei einem Meteoriteneinschlag erst prüfen, ob das Licht gerade brauchbar ist. Und die Bilder sind auch gut geworden. Technisch zumindest. Schärfe passt. Farben auch. Das Wasser sieht beeindruckend aus. Die Felsen ebenfalls. Trotzdem habe ich beim Durchsehen gemerkt, dass keines dieser Fotos wirklich zeigt, wie sich die Breitachklamm anfühlt. Diese Kälte in der Luft. Das Dröhnen des Wassers zwischen den Wänden. Der Geruch von nassem Stein und Holz. Dieses leichte Gefühl von Ehrfurcht, das sich einstellt, wenn plötzlich mehrere Tonnen Fels über einem hängen und man hofft, dass die Natur heute weiterhin an Stabilität interessiert bleibt. Man kann die Klamm fotografieren. Aber erleben muss man sie selbst.
Trotzdem werde ich später ein paar der Bilder unter „Fotos“ hochladen. Wahrscheinlich mit irgendeinem Satz darunter, der so klingt, als hätte ich kurz versucht, besonders tiefgründig zu wirken. Vielleicht einfach: „Nicht nur gucken. Hingehen.“ Das reicht vermutlich sogar. Wie lange ich dort unterwegs war, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwo zwischen Wasser, Fels und diesem ständigen Rauschen habe ich komplett das Zeitgefühl verloren. Als ich irgendwann wieder auf die Uhr sah, war es bereits später Nachmittag. Mein geplantes Mittagessen hatte ich längst verpasst. Ärgerlich. Wirklich ärgerlich.
Nein. Natürlich nicht.