Verlaufen in Bayern.

Reisetagebuch Teil II

In unmittelbarer Nähe der Ferienwohnung steht eine Kirche. So eine Kirche, die wahrscheinlich zu jeder Tageszeit ein bisschen nach Ruhe aussieht. Heller Putz. Ein Turm, der über die Dächer ragt. Ein goldener Hahn. Richtig schön. Morgens läuten die Glocken. Nicht aggressiv. Eher so, als wolle jemand freundlich daran erinnern, dass der Tag inzwischen wirklich begonnen hat. In der unmittelbaren Nähe befindet sich ein kleiner Discounter. Einer dieser Läden, in denen man gleichzeitig das Gefühl hat, absolut nichts zu bekommen und trotzdem mit zwei vollen Tüten wieder herauszukommen. Es gibt dort alles. Brot. Wasser. Käse. Kaffee. Tiefkühlpizza. Süßigkeiten. Wurst. Nur Herrenunterwäsche gibt es nicht. Ich habe nachgesehen. Mehrfach sogar. Langsam glaube ich, das Universum möchte mir damit irgendetwas sagen.

Autos sieht man hier kaum. Was vermutlich daran liegt, dass sich das Gebäude mitten in einer Fußgängerzone befindet. Ab und zu fährt mal jemand sehr langsam vorbei. Lieferverkehr wahrscheinlich. Mir gefällt das. Dieses Ruhige. Keine Hauptstraße. Kein ständiges Motorengeräusch. Stattdessen hört man Schritte. Gesprächsfetzen. Kofferrollen auf Pflastersteinen. Abends sitzen Menschen draußen an dem Marktplatz, oder vor dem Restaurant, trinken etwas, essen und sehen erstaunlich zufrieden damit aus, einfach nur dort zu sitzen. Und ja, es reicht ja auch.

Dass ich mit dem Zug angereist bin, fühlt sich im Nachhinein genau richtig an. Ich fahre inzwischen wirklich gern Bahn. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Zugfahren etwas angenehm Ehrliches hat. Ich sitze herum, schaue aus dem Fenster und tue für mehrere Stunden nichts Produktives, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Natürlich hat meine neue Begeisterung für öffentliche Verkehrsmittel rein gar nichts damit zu tun, dass ich momentan kein Auto mehr besitze. Absolut überhaupt nicht. Das würde ich jederzeit glaubwürdig behaupten. Vermutlich sogar unter Eid. Viele Dinge sind in den letzten Monaten verschwunden. Manche geplant. Andere eher plötzlich. Mein Auto gehört auch dazu. Andere Dinge auch. Und Talko. Wobei „verschwunden“ bei ihm nicht stimmt. Für ihn habe ich ein größeres Zuhause gefunden. Mehr Platz. Mehr Garten. Mehr Möglichkeiten, Hund zu sein und nicht nur der beste Beifahrer der Welt. Das war die richtige Entscheidung. Rational zumindest. Emotional sieht das Ganze manchmal etwas anders aus. Ich vermisse ihn trotzdem jeden Tag. Vor allem morgens. Oder wenn irgendwo plötzlich eine Leine gegen Metall klackt und mein Kopf für einen kurzen Moment glaubt, er wäre noch da. Aber seltsamerweise wird einem erst später klar, dass vieles im Leben irgendwann still weiterzieht. Manche Dinge langsam. Andere von heute auf morgen. Und manches trägt man ohnehin viel länger mit sich herum, als man es eigentlich sollte. Wie alte Jacken, die man nie trägt und trotzdem jahrelang im Flur hängen lässt. Bei manchen Menschen ist es allerdings genau umgekehrt. Da merkt man erst mit Abstand, wie anstrengend es eigentlich war, ständig eine Version von sich selbst zu spielen, mit der alle zufrieden sind. Und ehrlich gesagt bin ich inzwischen bei einigen ziemlich froh, sie nie wieder wirklich sehen zu müssen. Und falls doch, dann wenigstens ohne dieses höfliche Dauergrinsen, das man automatisch bekommt, wenn man Menschen gegenübersitzt, die einen nur mögen, solange man möglichst wenig man selbst ist.

Gestern Abend bin ich nach der Ankunft noch kurz in den kleinen Laden gegangen und habe alles gekauft, was man als alleinreisender Mensch offenbar automatisch kauft. Brot. Gute Butter. Aufschnitt. Wasser. Zuckerfreie Cola, damit man sich beim gleichzeitigen Kauf von Flips und Chips zumindest kurz wie jemand mit vernünftigen Entscheidungen fühlt. Außerdem Kaffee. Natürlich Kaffee. Ich glaube, Menschen fühlen sich in Ferienwohnungen erst dann wirklich angekommen, wenn irgendwo Lebensmittel herumliegen, die sie niemals hübsch anrichten würden, die aber trotzdem beruhigend wirken. Später saß ich noch eine ganze Weile auf dem Balkon. Draußen wurde es langsam dunkel. Irgendwo liefen Leute vorbei. Stimmen aus Restaurants. Besteck. Gelächter. Die Kirche war wunderschön beleuchtet.

Oberstdorf.

Frühstück. Kurz nach sechs.

Der erste richtige Tag in Oberstdorf begann irgendwo zwischen 5:30 Uhr und 6:00 Uhr. So genau weiß ich das gar nicht mehr. Ferienwohnungen haben ihre eigene Zeitrechnung. Man schläft anders. Ruhiger vielleicht. Oder einfach ohne dieses Gefühl, morgens sofort funktionieren zu müssen. Jedenfalls wurde ich ohne Wecker wach. Draußen war es bereits hell. Dieses klare Morgenlicht, das Berge irgendwie besser hinbekommen als Städte. Ich ging ins Bad, machte mich fertig und frühstückte erstmal. Brot mit Wurst. Brot mit Käse. Kaffee. Die üblichen Verdächtigen eben. Menschen, die allein verreisen, entwickeln, glaube ich, erstaunlich schnell eine Ernährung, die irgendwo zwischen „praktisch“ und „leicht verwahrlost“ liegt. Niemand schneidet sich allein in einer Ferienwohnung morgens aufwendig Obst auf. Niemals. Man steht eher in Socken in der kleinen Küche, schaut wahrscheinlich aus dem Fenster und ist bereits vollkommen zufrieden damit, dass Kaffee existiert.

Weil mich jemand, dem ich wahrscheinlich mehr verdanke als ich jemals vernünftig zurückgeben könnte, um einen kleinen Gefallen bat, zog ich anschließend die Wanderschuhe an und machte mich auf den Weg. In meinem Rucksack war eine kleine Flasche Wasser, zwei Brezeln und meine Kamera. Ich bin inzwischen lange genug in Bayern, um verstanden zu haben, dass man hier offenbar grundsätzlich jederzeit Zugriff auf mindestens eine Brezel haben sollte. Vermutlich gibt es dafür sogar Gesetze. Hundert prozentig sogar.  Der Gefallen war ganz einfach. Einen Brief zustellen. Nichts Weltbewegendes. Einfach nur etwas von einem Menschen zu einem anderen bringen. Klingt altmodisch. War aber erstaunlich schön. Der Mann, der den Brief bekam, freute sich richtig. Also im Sinne von ehrlich. Nicht dieses höfliche „Ach wie nett“, das manche Menschen von ihren Eltern anerzogen bekommen haben, sondern echte Freude. Wir unterhielten uns noch kurz. Wobei „unterhalten“ vielleicht übertrieben ist. Es war eher dieser kleine Austausch zwischen Fremden, die sich vermutlich nie wiedersehen und gerade deshalb völlig entspannt miteinander reden können. Für „Schnack“ gibt es in Bayern bestimmt ein eigenes Wort. Wahrscheinlich eines mit mindestens drei Konsonanten hintereinander. Ich kenne es nur nicht. Egal.

Danach ging es Richtung Breitachklamm. Zu Fuß. Natürlich hätte man auch irgendeinen Bus nehmen können. Aber ich wollte laufen. Vielleicht auch deshalb, weil man Orte zu Fuß viel langsamer kennenlernt. Ehrlicher irgendwie. Ich hatte mir die Route vorher auf dem Smartphone angesehen, war also für ungefähr die ersten zwanzig Minuten vollkommen überzeugt davon, genau zu wissen, wo ich hinmusste. Anfangs funktionierte das sogar erstaunlich gut. Die Wege wurden ruhiger. Die Häuser weniger. Dafür mehr Wiesen. Kleine Hütten aus Holz. Zäune. Löwenzahn. Überall Löwenzahn. Ganze Flächen davon. Gelb wie irgendein übermotivierter Instagram-Filter, nur echt. Kühe. Dahinter die Berge. Und dieser Himmel, bei dem man automatisch langsamer geht, weil man ständig nur staunen muss.

Es ist wirklich krass, wie oft man hier einfach stehen bleibt. Nicht einmal absichtlich. Der Kopf macht das irgendwann von allein. Zuhause passiert mir das selten. Das liegt wahrscheinlich an den Bergen. In meiner Heimat kommen Berge meistens eher in Ortsnamen vor als tatsächlich in der Landschaft. Sedelsberg. Gehlenberg. Das klingt nach Alpen, ist aber im Wesentlichen Norddeutschland mit etwas mehr Wind und sehr überzeugten Treckern. Die einzigen wirklichen Berge dort sind vermutlich Misthaufen hinter irgendwelchen Bauernhöfen. Wobei selbst das inzwischen fraglich ist. Moderne Landwirtschaft sieht oft weniger nach Bauernhof aus und mehr nach mittelständischem Logistikunternehmen mit Gülleanschluss. Je weiter ich lief, desto ruhiger wurde es. Irgendwo hörte man Kuhglocken. Ich hörte Kuhglocken. Eine Psychologin meinte neulich, ich dürfe nicht mehr man sagen, wenn ich mich meine. Ich würde mich damit unbewusst verstecken. Hinten anstellen. Ich bin aber noch im Lernprozess. Egal. Kuhglocken. Nicht laut. Eher so, als würde die Landschaft nebenbei Geräusche machen. Ab und zu kamen mir Menschen entgegen. Wanderinnen und Wanderer natürlich. Bestens ausgerüstet. Ich dagegen lief in Jeans, mit Brezeln im Rucksack durch Bayern und hoffte im Wesentlichen darauf, mich nicht zu verlaufen. Was überraschend gut funktionierte. Zumindest vorerst.

Kleiner Spoiler: Ich habe mich verlaufen. Natürlich habe ich das. Und zwar trotz einer Beschilderung, die hier offenbar extra für Menschen entwickelt wurde, die sonst schon Schwierigkeiten haben, eine Banane richtig zu öffnen. Überall stehen Schilder. Darauf sind Pfeile. Richtungen. Entfernungsangaben. Eigentlich müsste man sich aktiv Mühe geben, um falsch zu laufen. Ich habe diese Herausforderung scheinbar angenommen. Und gewonnen. Yeah.

Irgendwann blieb ich jedenfalls stehen und blickte wieder auf eines dieser Schilder. Breitachklamm war verschwunden. Einfach weg. Stattdessen stand dort plötzlich „Freibergsee“. Ein Wort, das nicht ansatzweise nach meinem ursprünglichen Plan klang. Und dann stand ich da zwischen Wald, Bergen und meinem offensichtlich nur mittelmäßig funktionierenden Orientierungssinn. Früher hätte ich mich wahrscheinlich geärgert. Über mich selbst. Über meine eigene Blödheit. Über die Tatsache, dass ich trotz Smartphone, Wegbeschreibung und ungefähr achttausend Hinweisschildern trotzdem falsch abgebogen war. Aber plötzlich musste ich an das Gespräch mit der Psychologin denken. Daran, dass Freiheit angeblich genau zwischen Reiz und Reaktion entsteht. Dieser winzige Moment, bevor man automatisch irgendetwas tut. Ehrlich gesagt finde ich es immer noch irritierend, wie oft Psychologen Sätze sagen, die erst Tage später anfangen Sinn zu ergeben. Jedenfalls stand ich dort und hätte mich problemlos aufregen können. Stattdessen dachte ich irgendwann einfach: Na gut. Dann eben Freibergsee. Und ganz ehrlich? Wahrscheinlich war genau das die beste Entscheidung des Tages.

Der Weg wurde plötzlich noch schöner. Ruhiger. Irgendwann führte der Pfad durch einen Wald, der aussah, als hätten sich Menschen hier ausnahmsweise einmal zurückgehalten. Kleine Wasserfälle liefen über Steine. Überall dieses beruhigende Geräusch von Wasser, das irgendwo unterwegs ist. Die Luft roch nach Holz, Erde und diesem typischen Bergwaldgeruch, den man unmöglich vernünftig beschreiben kann, ohne sofort wie jemand aus einer Wanderbroschüre zu klingen. Also lasse ich es lieber.

Ab und zu kamen mir Menschen entgegen. Freundliche Menschen. In den Bergen grüßen sich offenbar alle. Selbst Leute, die in jeder Großstadt wahrscheinlich nicht einmal einen brennenden Menschen angucken würden, sagen hier plötzlich „Servus“, als hätte man gemeinsam eine schwierige Lebensphase überstanden. Irgendwo bellte auch ein Hund. Nur kurz. Trotzdem reichte das sofort, damit ich an Talko denken musste. Daran, wie er jetzt vermutlich irgendwo deutlich glücklicher durch einen größeren Garten läuft, als ich ihm jemals hätte bieten können. Es gibt Entscheidungen, von denen man gleichzeitig weiß, dass sie richtig waren und trotzdem wehtun. Wahrscheinlich gehört Erwachsensein genau dazu.

Unterwegs setzte ich mich immer wieder auf irgendwelche Bänke. Diese typischen Holzbänke mit Aussicht, bei denen man automatisch so tut, als würde man dort kurz über das Leben nachdenken, obwohl man in Wirklichkeit hauptsächlich außer Atem ist und eine Brezel aus dem Rucksack holt. So war es bei mir. Ohne Scheiß. Komplett außer Atem. Aber was solls. Kann ich ruhig zugeben. Am Freibergsee machte ich dann länger Pause. Wasser. Berge. Bäume. Dazu eine Brezel. Ehrlich gesagt schmecken Brezeln in Bayern vermutlich auch deshalb besser, weil man sie fast immer irgendwo mit Aussicht isst.

Natürlich habe ich unterwegs fotografiert. Sehr viel sogar. Berge. Wege. Licht zwischen den Bäumen. Den See. Diese kleinen Hütten auf den Wiesen. Alles Dinge, die später auf Fotos aussehen werden, als hätte ich genau gewusst, was ich tue. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass die schönsten Momente dieses Tages wahrscheinlich nie auf irgendeiner Speicherkarte gelandet sind. Weil ich irgendwann aufgehört habe, ständig nach Bildern zu suchen. Manchmal sitzt man einfach nur irgendwo, hört das Wasser, schaut in die Landschaft und merkt plötzlich, dass nicht alles festgehalten werden muss. Früher hätte ich wahrscheinlich jeden zweiten Moment sofort irgendwo hochgeladen. Hab ich auch. Einige Sachen. Aber Heute lerne ich langsam, dass manche Dinge vielleicht gerade deshalb schön bleiben, weil sie nur mir gehören. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das inzwischen fast luxuriöser an als jedes perfekte Foto.