Ein Name weniger.

Auf dem Schreibtisch steht eine Tasse Kaffee. Schwarz. Ohne Zucker. Neben dem MacBook liegt ein dünner Film aus Staub, sichtbar nur, wenn das Licht schräg durchs Fenster fällt. Noch hebt sich der Morgen langsam aus der Dunkelheit. Alles wirkt aufgeräumt. Sauber. Manche Dinge erkennt man erst, wenn sich das Licht ändert. Auf der Wiese gegenüber drücken die ersten Krokusse durch das matte Gras. Zarte Köpfe, die sich nicht darum kümmern, wie kalt die Nächte waren. Die Luft ist milder geworden. Der Frühling kommt. Und mit ihm eine Veränderung, die ich vor zwei Jahren nicht erwartet hätte. Der letzte Eintrag auf meinem Blog stammt vom 10. Februar. Ein Datum wirkt harmlos, bis man merkt, was zwischen zwei Zahlen verschwunden ist. Zeit vergeht nicht laut. Sie nimmt nichts mit Gewalt. Sie vergeht einfach. Im Rückblick erkennt man, dass etwas fehlt. Ein Gedanke. Eine Gewissheit. Ein Zustand. Manchmal auch ein Mensch. Ich klappe den Rechner auf. Der Bildschirm leuchtet. Heute bin ich neugierig. Ein paar Klicks führen zu den Statistiken des Blogs. Linien. Kurven. Prozentwerte. Zahlen. Eine nüchterne Oberfläche. Sauber. Ordentlich. Fast vertrauenswürdig. Man kann sehen, wie viele Menschen da waren. Wie lange sie geblieben sind. Welche Seite sie zuerst angeklickt haben. Woher sie kommen. Wittmund. Soest. Gunzenhausen. Frankfurt am Main. Orte, die ich zuordnen kann. Dort leben Gesichter. Stimmen. Erinnerungen. Wenn ich den Namen lese, sehe ich eine Straße, vielleicht eine Küche, vielleicht ein Fenster mit Licht dahinter. Für einen Moment wirkt es, als wäre zwischen diesem Raum und jenem eine Verbindung entstanden. Und dann gibt es andere Orte. Unbekannte Orte. Niedergelpe. Badelepen. Wedel. Keine Stimmen. Keine Bilder. Nur Buchstaben auf weißem Grund. Ich öffne die Karte. Zoome hinein. Felder. Flüsse. Gewerbegebiete. Ein Kreisverkehr. Ein paar Dächer, dicht nebeneinander. Irgendwo dort saß ein Mensch. Vielleicht mit einem Telefon in der Hand. Vielleicht aus Zufall hier gelandet. Vielleicht aus Absicht. Vielleicht nur für Sekunden. Die Statistik zeigt, wie lange jemand blieb. Aber nicht, wer es war. Achtundvierzig Sekunden. Eine Minute und zwölf. Zwei Minuten dreiundvierzig. Zahlen, die behaupten, etwas über Interesse zu wissen. Aber sie wissen nichts. Ein Mensch kann zwei Minuten lesen und nichts verstanden haben. Ein anderer braucht zehn Sekunden, um zu wissen, was Phase ist. Wir messen Dauer und nennen es Bedeutung und wundern uns, warum alles flach wirkt.

Der Ort, an dem ich lebe, taucht in meiner Statistik nicht auf. Vielleicht ist er zu klein. Vielleicht nicht relevant genug. In den Diagrammen gibt es größere Städte. Bedeutendere. Orte mit Flughäfen, Bahnhöfen, Industrie. Dieser hier ist einfach da. Seit ich denken kann. Ich kenne jede Straße. Die Kurven. Die Risse, die jedes Jahr ein Stück größer und dann doch nur notdürftig geflickt werden. Ich kenne einige Bäume, die im Herbst zuerst ihr Laub verlieren. Ich weiß, welche Hecken im Frühling zu früh geschnitten werden. Welche Fenster abends lange hell bleiben und welche Häuser schon um neun dunkel sind. Manche Gardinen haben sich in Jahrzehnten kaum verändert. Und einige Häuser, die ich als Kind gesehen habe, gibt es längst nicht mehr. Viele der Menschen hier kenne ich beim Namen. Manche seit meiner Kindheit. Ich weiß, wer früh aufsteht. Wer zu schnell fährt. Wer immer denselben Hund hatte, bis er irgendwann nicht mehr da war. Man grüßt sich. Man nickt. Man kennt die kleinen Geschichten, ohne sie je ganz zu erzählen. Dieser Ort, ist ein Ort, an dem sich vieles wiederholt. Gesichter. Wege. Gespräche. Und auch Geschichten. Hier wird erzählt. Leise. Zwischen zwei Gartenzäunen. Auf Parkplätzen. Vor der Bäckerei. Man spricht über Menschen, die man kennt. Oder zu kennen glaubt. Über Entscheidungen, Trennungen, neue Autos, alte Fehler. Über das, was man gesehen hat. Oder gehört hat. Oder gehört haben will. Es gibt immer jemanden, über den gesprochen wird. Manchmal ist es jemand, der schon lange hier lebt. Manchmal jemand, der gerade erst zugezogen ist. Manchmal einer, der nichts getan hat, außer anders zu sein. Die Geschichten spazieren, wie ich durch die Straßen. Von Mund zu Mund. Sie werden nicht lauter, aber klarer. Präziser. Man ergänzt Details, die niemand überprüft. Man ordnet ein. Man findet Gründe. So entsteht Gewissheit. Vielleicht brauchen kleine Orte diese Geschichten. Sie füllen die Zwischenräume. Wo sich wenig verändert, muss Bedeutung anders erzeugt werden. Also legt man sie über Menschen. Man erzählt, um Ordnung zu schaffen. Man erzählt, um zu verstehen. Man erzählt, um nicht selbst erzählt zu werden. Denn das ist die unausgesprochene Regel: Wer spricht, steht nicht im Mittelpunkt. Wer schweigt, manchmal schon. Ich gehe jetzt durch dieselben Straßen wie immer. Ich weiß, dass auch ich Teil dieser Erzählungen bin. Man merkt es nur selten. Bis sich der Blick verändert. Und dann? Dann hört man anders hin.

Man merkt, Stück für Stück, dass man selbst Teil dieser Landschaft geworden ist. Nicht mehr nur Beobachter. Nicht nur jemand, der durch Straßen geht. Sondern ein Name, der fällt, wenn man nicht dabei ist. Eine Erwähnung. Ein Halbsatz. Eine weitere Geschichte, die weiter erzählt wird. Vielleicht stimmt sie. Vielleicht nicht. Wer fragt schon wirklich nach? Geschichten entstehen hier nicht, weil die Menschen böse sind. Nein. Sie entstehen aus Nähe. Aus Gewohnheit. Man lebt dicht beieinander, also füllt man die Zwischenräume mit Worten. Und irgendwann ist man selbst einer dieser Zwischenräume. Den Ort selbst interessiert das nicht. Er bleibt. Ja, dieser Ort war lange vor mir da. Er wird nach mir da sein. Die Risse im Asphalt werden an manchen Stellen größer, Jahr für Jahr, ein Stück tiefer, bis wieder jemand kommt und sie notdürftig füllt. Die Hecken werden weiterhin im Frühling zu früh geschnitten. Aus Ordnung oder Ungeduld. Die Fenster werden abends leuchten, als hätte sich nichts verändert. Nur ich werde es nicht mehr sehen. Es gab diesen leisen Punkt, an dem all das Vertraute nicht mehr trägt. An dem Wiederholung nicht mehr Sicherheit bedeutet, sondern Stillstand. Man kann lange bleiben. Sehr lange. Aus Gewohnheit. Aus Loyalität. Aus dem Gefühl, etwas schuldig zu sein. Vielleicht dem Ort, den Menschen, der eigenen Vergangenheit. Aber man muss nicht. Heimat ist kein Vertrag, den man unterschreibt und nie wieder kündigt. Sie ist kein Besitz. Sie ist ein Zustand. Und Zustände verändern sich. Seit einigen Tagen gehe ich durch diese Straßen mit dem Bewusstsein, dass sie nicht mehr mein Zuhause sind. Die Häuser stehen noch dort. Die Bäume auch. Die Menschen haben sich nicht verändert. Niemand hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Niemand schickt mich weg. Trotzdem merke ich mehr und mehr, dass meine Zeit hier zu Ende ist. Nicht draußen. Innen. Man geht nicht, weil etwas zerstört wurde. Man geht, weil es nicht mehr passt. Gehen ist dann auch keine Flucht. Es ist eine Form von Ehrlichkeit. Gegenüber sich selbst. Man muss nicht alles behalten, nur weil man es kennt. Man muss nicht bleiben, nur weil man es immer getan hat. Die Geschichten werden weitergehen. Mit oder ohne mich. Sie werden neue Namen finden, neue Anlässe, neue Gewissheiten. Sie werden sich anpassen, wie sie es immer getan haben. Das ist kein Drama. Es ist die natürliche Ordnung der Dinge. Der Ort bleibt. Ich nicht.