Zurücklassen.
Am Straßenrand liegt ein letzter Fetzen Schnee. Grau. Zusammengedrückt. Schmutzig. Er erinnert sich nicht mehr an den Winter, aus dem er stammt. Der Tag ist noch nicht angekommen. Es ist dunkel. Kalt. Aber die Luft ist klar. Klar wie meine Gedanken in diesem Moment. Das kommt in letzter Zeit selten vor. Meist sind sie zerfasert. Sie kreisen um Dinge, die längst entschieden sind. Heute nicht. Heute ist da eine merkwürdige Ruhe, als hätte sich etwas sortiert, ohne dass ich geholfen habe. Ich gehe durch Straßen, die ich kenne. Und gleichzeitig nicht mehr. Mit jedem Schritt verlieren sie an Schärfe, rutschen langsam in diesen Bereich, den man Erinnerung nennt. Bald werden sie nichts anderes mehr sein als das. Fragmente einer Zeit, die sich stabil anfühlt, solange man sich in ihr bewegt. Bleibt man stehen, erkennt man, wie brüchig sie ist. Zeit. So etwas Seltsames. Wir haben Theorien über sie. Modelle. Pfeile. Achsen. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Als ließe sie sich ordnen wie Akten in einem Schrank. Ich glaube, in Wahrheit verstehen wir sie nicht. Wir malen die Vergangenheit oft schöner, als sie war, damit sie erträglicher wird. Und wir verdunkeln die Zukunft, um vorbereitet zu sein auf das, was kommen könnte. Beides ist eine Form von Kontrolle. Beides eine Illusion. Aus einem der Häuser fällt Licht auf die Straße. Warm. Still. Ich bleibe kurz stehen. Hinter einem Fenster sehe ich ein weißes Hemd. Gebügelt. Makellos. Es hängt an einer Schranktür, sorgfältig und gut sichtbar platziert, obwohl das sicher nicht beabsichtigt war. Ich bilde mir ein, den Geruch frischer Wäsche wahrzunehmen. Kann ich aber nicht. Es ist nur die Erinnerung an etwas, das mir einmal Sicherheit versprochen hat. Solche Bilder bleiben. Nicht, weil sie wichtig sind. Sondern weil sie etwas in uns berühren, das wir selbst nicht benennen können. Vielleicht ist es genau das. Vielleicht ist es unser Versuch, Bedeutung in Momenten zu finden, die eigentlich nichts wollen. Und doch tragen wir sie weiter mit uns, als wären sie Beweise dafür, dass alles einen Sinn hatte. Ich gehe weiter. Der Schnee verschwindet. Das Licht kommt. Was bleibt ist der Gedanke, dass nichts fest ist. Nichts sicher. Und dass wir uns trotzdem an manchen Tagen so verhalten, als wäre es das.
Aber was bleibt dann? Diese Frage stellt sich mir. Was bleibt wirklich, wenn man beginnt, alles wegzunehmen. Die Rollen. Die Erklärungen. Die Pläne. Wenn nichts mehr funktioniert von dem, was man sich aufgebaut hat. Was bleibt dann übrig? Was bleibt von mir, wenn dieses Ich nicht mehr trägt? Dieses Ich, das ich jeden Tag verteidige, oft ohne es zu merken. Das ich erkläre, rechtfertige, beruhige. Als wäre es ein empfindliches Etwas, das jederzeit einstürzen könnte, wenn ich nicht aufpasse. Dieses Ich. Dieses Wort. Ich bleibe daran hängen. Vielleicht zu lange. Vielleicht, weil ich spüre, dass genau hier etwas nicht stimmt. Vielleicht ist dieses Ich nicht der Kern, sondern das Problem. Vielleicht war es das von Anfang an. Eine Verdichtung aus Gewohnheit, Angst und Wiederholung. Etwas, das entstanden ist, um durchzukommen. Nicht, um wirklich zu leben. Ich denke an all die Dinge, die ich festhalte. Nicht, weil sie lebendig sind. Sondern weil sie vertraut sind. Weil sie Ordnung versprechen. Kontrolle. Eine Form von Sicherheit, die sich ruhig anfühlt, solange man nicht zu genau hinsieht. Erst jetzt merke ich, wie dünn dieses Gefühl ist. Wie hauchdünn. Und wie viel Kraft es kostet, etwas zusammenzuhalten, das eigentlich längst zerbrochen ist. Wie oft nennen wir das Vernunft? Wie oft sagen wir, es sei klug, vorsichtig zu sein? Umsichtig. Realistisch. Aber vielleicht ist es etwas anderes. Vielleicht ist es Angst. Angst davor, etwas zuzulassen, das sich nicht erklären lässt. Angst davor, etwas zu verlieren, das uns längst nicht mehr gehört. Angst davor, stehen zu bleiben und zu merken, dass man sich selbst im Weg steht. Vielleicht geht es nicht darum, etwas Neues zu finden. Vielleicht geht es darum, endlich loszulassen, was nur noch Vorstellung ist.
Als ich gestern Nacht draußen stand, waren die Sterne zu sehen. Unzählige Punkte aus Licht, ohne erkennbare Ordnung. Ein scheinbares Chaos. Und doch wirkt es ruhig. Oder ich war es. Keine Ahnung. Vielleicht stimmt es, dass es mehr Galaxien gibt als Sandkörner an einem Strand. Ein Gedanke, den ich kaum begreifen kann. Und trotzdem fügt sich alles zusammen. Zu Einem. Dem Kosmos. Seinen endlosen Bewegungen. Seinen Träumen. Vielleicht sind wir nichts anderes als ein Teil davon. Der Kosmos, der für einen Moment anhält und sich selbst beobachtet. Meine Hände vergraben sich tiefer in den Taschen. Der Atem, kurz sichtbar, steht in der Luft, löst sich auf. Ich gehe weiter. Hinter mir liegen die Häuser, ihre Lichter, ihre Wärme. Vor mir nur Dunkelheit. Zwischen den Ästen der Bäume blitzt ein einzelner Stern auf. Hoch oben. Weit entfernt. Und für einen Moment lächle ich. Nicht aus Freude. Eher aus einem leisen Erkennen. Auch in mir ist ein Universum. Kein großes. Kein besonderes. Eines aus Bildern. Stimmen. Wegen, die ich gegangen bin. Menschen, die nur kurz da waren und trotzdem geblieben sind. Manche kenne ich. Manche habe ich nie wirklich gekannt. Und doch sind sie Teil davon. Wie Sterne, die es nicht mehr gibt, deren Licht aber noch unterwegs ist. Und langsam begreife ich, dass dieses Universum nicht einfach nur da ist. Ich erschaffe es. Jeden Tag. Mit dem, was ich zulasse. Und mit dem, was ich verhindere. Ich denke zu viel. Ich zerlege. Ich sichere ab. Ich warte. Als gäbe es irgendwann den Punkt, an dem keine Angst mehr da ist. Aber dieser Punkt kommt nicht. Er kam nie. Es gab nur Momente, in denen ich mutig war. Und andere, in denen ich Stillstand mit Frieden verwechselt habe. Dabei war es manchmal nur Betäubung. Eine Ruhe ohne Gewicht. Vielleicht zerbrechen Universen nicht in großen Explosionen. Vielleicht verlieren sie einfach ihre Bewegung. Ihre Weite. Vielleicht schrumpfen sie, wenn man aufhört zu träumen, zu riskieren, zu fühlen. Und irgendwann merkt man nachts, dass etwas fehlt. Kein Gedanke. Kein Plan. Etwas Tieferes. Etwas, das sich nicht benennen lässt. Vielleicht geht es nicht darum, alles zu verstehen. Nicht darum, immer alles richtig zu machen. Vielleicht geht es darum, sich selbst nicht länger im Weg zu stehen. Dinge zuzulassen, obwohl sie Angst machen. Loszulassen, obwohl nichts Neues garantiert ist. Mutig zu sein, ohne zu wissen, wohin der Weg führt, weil man ihn einfach noch nie gegangen ist oder weil es ihn bislang nicht gab. Ich glaube nicht, dass wir hier sind, um einer Sicherheit zu vertrauen, die existiert hat. Ich glaube, wir sind hier, um unser inneres Universum, unser eigenes nicht ständig zu verraten. Und vielleicht beginnt genau dort ein echtes Leben. Nicht, wenn alles klar ist. Sondern wenn man aufhört, sich selbst kleinzureden.
Es geht nicht darum, ein neues Leben zu beginnen. Das geht gar nicht. Als könnte man ein Leben einfach austauschen. Neu starten. Nein. So funktioniert das nicht. Man trägt alles mit sich weiter. Die Jahre. Die Fehler. Die Muster. Die Bilder. Die Erinnerungen. Vielleicht geht es deshalb um etwas anderes. Nicht um Neubeginn, sondern um das bewusste Ablegen dessen, was längst nicht mehr trägt. Man lässt zurück, was zerbrochen ist. Menschen, die nur noch aus Gewohnheit da sind. Beziehungen, die nicht mehr funktionieren. Hoffnungen, die man aus Angst festhält, obwohl sie längst leer sind. Man nennt das Durchhalten. In Wahrheit ist es oft nur Erschöpfung, die sich noch nicht eingestehen will, dass etwas vorbei ist. Man lässt diese Dinge nicht los, weil man stark ist. Man lässt sie los, weil man müde geworden ist vom Festhalten. Und die Angst bleibt. Sie geht nicht weg. Sie sitzt daneben, beobachtet, kommentiert. Sie ist kein Warnsignal. Kein Beweis dafür, dass man falsch liegt. Sie ist der Preis. Die Grundvoraussetzung. Ohne Angst gäbe es keinen Mut. Und Mut beginnt nicht mit Zuversicht. Er beginnt mit Unsicherheit. Mit dem Wissen, dass man etwas verliert, bevor sich überhaupt die Möglichkeit von etwas Neuem zeigt. Dass man geht, ohne zu wissen, ob der Boden trägt. Vielleicht ist das der eigentliche Weg. Kein Aufbruch, kein Versprechen, kein neues Ich. Nur dieses stille Zurücklassen dessen, was nicht mehr mitkommt. Schritt für Schritt. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus Wahrheit. Weil Stillstand irgendwann schmerzhafter wird als Bewegung. Und dann geht man weiter. Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil es keine andere ehrliche Richtung mehr gibt. Und vielleicht liegt genau darin etwas Gutes. Nicht in der Gewissheit. Nicht in der Sicherheit. Sondern in der Klarheit, nichts mehr festhalten zu müssen, was längst vorbei ist. In der Erlaubnis, leichter zu werden. Ehrlicher. Weniger gebunden an Vorstellungen, die nichts mehr halten können. Scheiße ja, die Angst bleibt. Aber sie bestimmt nicht mehr alles. Sie geht mit, nicht voraus. Und manchmal, für kurze Momente, fühlt sich genau das wie Freiheit an. Kein großes Gefühl. Kein Versprechen. Nur ein leiser Raum, in dem man atmen kann.