Ein Leben.

Dieses Wochenende habe ich keine Termine. Keine Verabredungen. Es wird niemanden geben, der etwas von mir will. Ab Freitagmittag bin ich praktisch nicht mehr existent. Ich tauche ab. Die Welt darf weiterlaufen. Nur eben ohne mich. Die einzige Person, die mich lebend sehen wird, ist der Pizzabote. Darauf freue ich mich mehr, als es vernünftig wäre. Eine große Pizza. Fettige Finger. Der Fernseher an. Ein Film läuft. Welcher? Ist egal. Wichtig ist nur, dass er da ist. Ja. So wird es sein. Man sitzt da. Schaut hin. Und irgendwann schaut man nicht mehr richtig. Und dann? Dann passiert vielleicht gar nichts. Oder genau das, was sonst keinen Platz hat. Bilder. Geräusche. Sätze, die man lange nicht gedacht hat. Komisch. Erinnerung funktioniert nicht so, wie ich dachte. Sie hält sich nicht an Pläne. Nicht an Kalender. Sie ordnet sich nicht sauber. Nicht in das, was war. Nicht in das, was kommt. Sie taucht auf, wenn man still genug ist. Wir sind so sehr an Zeit gebunden. An ihre Richtung. An ihre Reihenfolge. Anfang, Mitte, Ende. Und trotzdem erinnere ich mich nie an die ganze Linie, sondern an die Momente dazwischen. Kleine Lücken auf dem Weg. Kurze Augenblicke. An Wärme. An Schwere. An das Gefühl, genau hier richtig zu sein. Oder komplett falsch. Vielleicht ist das hier ein Ende. Kein dramatisches. Eher eines, das leise kommt und sich nicht erklärt. Ich kenne den Weg. Ich weiß, wohin er führt. Und trotzdem gehe ich ihn. Ohne Widerstand. Ohne Abkürzung. Ich nehme ihn an. Und ich heiße jeden einzelnen Moment willkommen. Auch die unbequemen. Auch die stillen. Wenn du dein ganzes Leben von Anfang bis Ende sehen könntest, würdest du etwas ändern?

Schon seltsam. Man bekommt nur dieses eine Leben. Keinen Probelauf. Keine zweite Version, in der man klüger, mutiger oder weniger müde ist. Keine Version, in der man die Zeichen früher erkennt oder sich an anderen Stellen anders entscheidet. Es gibt keine zweite Chance. Man kann nicht zurück an die Stellen, an denen man hätte stehen bleiben sollen. Es läuft einfach. Still. Tag für Tag ein kleines Stück weiter. Während man glaubt, noch Zeit zu haben, ist es längst dabei, sich zu verabschieden. Unauffällig. Ohne Ankündigung. Man merkt es nicht an großen Momenten, sondern an Kleinigkeiten. An Tagen, die schneller vergehen. An Abenden, die sich kürzer anfühlen. An der Müdigkeit, die nicht mehr ganz verschwindet. Und dann feiern wir unsere Geburtstage. Wir stoßen an. Lächeln. Freuen uns über ein Jahr mehr. Als wäre Zeit etwas, das sich anhäuft. Als würde sie wachsen. Dabei ist es in Wahrheit immer ein Jahr weniger. Ein weiteres Stück, das nicht zurückkommt.

Die meisten merken das nicht. Oder sie wollen es nicht merken. Keine Ahnung. Vielleicht ist es einfacher so. Sie erzählen sich, dass später etwas anders sein wird. Am Wochenende. Im Urlaub. Wenn man erst einmal auf die Rente zusteuert. Mehr Zeit. Mehr Freiheit. Mehr Raum für das Eigentliche. Nein. Für das Wichtige. Als läge das Leben noch vor ihnen, ordentlich verpackt, bereit, irgendwann begonnen zu werden. Also schieben sie alles auf. Sie legen es an einen Horizont, der sich mit jedem Schritt weiter entfernt. Immer sichtbar. Aber nie erreichbar. Und während sie warten, füllt sich ihr Leben. Nicht mit dem, was sie eigentlich wollen, sondern mit dem, was übrig bleibt. Termine. Verpflichtungen. Erwartungen, die von außen kommen und irgendwann klingen, als wären sie die eigenen. Rollen, die man übernimmt, ohne sie je bewusst angenommen zu haben. Man wächst hinein. Man richtet sich ein. Man gewöhnt sich daran. Und irgendwann hört man auf zu fragen, ob man diese Rolle überhaupt spielen wollte. Oder ob man sie nur behalten hat, weil niemand einem gesagt hat, dass man sie auch ablegen darf. Man macht das eben so. Kennt man ja.

Dabei ist die Wahrheit einfach. Fast schon enttäuschend einfach. Du hast genau dieses eine Leben. Punkt. Nicht mehr. Nicht weniger. Und trotzdem fühlt es sich manchmal so fremd an. So flach. So wiederholt. Nicht, weil es leer ist, sondern weil man gelernt hat, es auf Abstand zu halten. Weil man an Sicherheit glaubt. Oder glauben will. Tage fühlen sich oft an wie Kopien, weil man sie nicht mehr wirklich lebt. Man steht auf. Funktioniert. Erledigt Dinge, die erledigt werden müssen. Vieles davon ist wichtig. Keine Frage. Aber das wenigste davon ist gewählt. Und dann diese Abende. Man bleibt zu lange wach, obwohl man müde ist. Nicht aus Lust. Nicht aus Energie. Sondern weil man spürt, dass der Tag einem noch etwas schuldet. Dass da etwas fehlt, das man nicht greifen kann. Kein greifbarer Moment. Kein Ereignis. Eher so ein Gefühl. Als hätte man es irgendwo unterwegs verloren und würde abends noch hoffen, es einzuholen. Aber es gibt diese kurzen Momente. Sie kommen nicht angekündigt. Man sucht sie nicht. Sie entstehen nebenbei. Beim Gehen. Beim Sitzen. In einem Satz, der plötzlich Sinn ergibt. In einem Blick, der länger hängen bleibt als gedacht. Für einen Augenblick ist alles an seinem Platz. Nein. Nicht das ganze Leben. Nur dieser eine Moment. Es fühlt sich stimmig an. Ruhig. Als wäre man für einen kurzen Augenblick nicht auf der Flucht vor sich selbst. Aber dann verschwindet es wieder. Leise. Ohne Abschied. Man merkt erst danach, dass dieser Moment da war.

Niemand wird dir am Ende danken, dass du vorsichtig warst. Dass du gewartet hast, bis sich etwas sicher angefühlt hat. Dass du dich angepasst hast, um niemanden zu stören. So erinnert sich niemand. Man erinnert sich nicht an reibungslose Abläufe. Man erzählt sich von den Dingen, die katastrophal waren und dann doch funktioniert haben. Man erinnert sich nicht an Menschen, die immer funktionieren wollten. Man erinnert sich an die, die etwas getan haben, obwohl es sich im ersten Moment falsch angefühlt hat. Weil es genau das oft ist. Das Richtige fühlt sich selten richtig an, wenn man davorsteht. Kündigen fühlt sich falsch an, solange man noch bleibt. Gehen fühlt sich falsch an, solange man den Schritt noch nicht gemacht hat. Und zu sagen, was man fühlt, fühlt sich fast immer zu früh an. Oder zu viel. Ich glaube, man erinnert sich immer auch an Momente, in denen jemand etwas gesagt hat, das nicht zurückgenommen werden konnte. Nicht laut. Aber ehrlich. Und endgültig. Sätze wie: Ich liebe dich. Du bedeutest mir etwas. Es ist schön, dass es dich in meinem Leben gibt. Doch man sagt sie zu selten. Oder nie. Und irgendwann ist es zu spät. Nicht plötzlich. Nicht mit Ansage. Sondern leise. Menschen gehen aus unserem Leben. Manche, weil sie es wollen. Manche, weil sie müssen. Manche, weil sie sterben. Und dann gibt es keine Gelegenheit mehr, noch etwas zu sagen. Kein später. Kein nächstes Mal. Dann bleibt nur, was man getan hat. Und was man nicht getan hat. Und die Frage, ob man den Mut hatte, Dinge auszusprechen und Schritte zu gehen, als es noch möglich war. Aber den Mut braucht man dann nicht mehr.

Leben bedeutet nicht, alles mitzunehmen. Auch wenn man uns das gern glauben lässt. Es ist eine bequeme Vorstellung. Sie verspricht, dass man nichts verlieren muss. Dass man alles offenhalten kann. Alle Möglichkeiten. Alle Menschen. Alle Wege. Aber genau so funktioniert es nicht. Leben besteht auch aus Verlust. Aus Auswahl. Aus dem Weglassen von Möglichkeiten, damit etwas anderes überhaupt Platz haben kann. Leben entsteht erst dort, wo man entscheidet. Für etwas. Und damit zwangsläufig gegen etwas anderes. Gegen Lärm, der nur beschäftigt. Gegen Nähe, die sich vertraut anfühlt, aber leer ist. Gegen diese inneren Erklärungen, mit denen man sich beruhigt, wenn man wieder nichts getan hat. Man kann nicht alles behalten. Wer das versucht, bleibt stehen. Du musst nicht alles erklären. Nicht jede Entscheidung begründen. Nicht jeden Schritt rechtfertigen. Du musst nicht überall dazugehören. Und du musst nicht verstanden werden. Es reicht, wenn du dir selbst nicht ausweichst. Wenn du aufhörst, dich mit vernünftigen Gründen davon abzuhalten, das zu tun, was du längst weißt. Wenn du aufhörst, dir Geschichten zu erzählen, die dich ruhig halten, aber klein. Doch das ist der schwierige Teil. Nicht die Umsetzung. Die Ehrlichkeit. Alles andere ist Technik. Oder Ausrede.

Am Ende bleibt nicht viel. Niemand stellt Container vor die Tür. Niemand nimmt Bankkonten mit. Es spielt keine Rolle mehr, wie oft du umgezogen bist oder wie ordentlich dein Leben organisiert war. Auf Beerdigungen stehen keine Umzugsunternehmen. Dort interessieren keine Kontoauszüge. Da wird nichts abgehakt. Doch, eine Sache. Aber selbst die zählt nicht mehr. Was wirklich bleibt, sind Geschichten. Die, die Menschen erzählen, die dich wirklich gekannt haben. Oder geglaubt haben, dich zu kennen. Bilder. Erinnerungen. Kleine Szenen, die niemand geplant hat. Ein Lachen. Ein Blick. Ein Satz zur falschen Zeit, der genau richtig war. Ein Moment, in dem jemand geblieben ist. Oder gegangen. Und warum. Vielleicht bleibt ein Hund, der sich an deine Beine gelegt hat, als wäre das selbstverständlich. Vielleicht eine Katze. Vielleicht ein Raum, in dem noch etwas von dir hängt. Vielleicht nur dieses eine Gefühl, dass jemand da war. Wirklich da. Nicht perfekt. Aber echt. Und es bleiben die Gedanken der anderen. Die leisen. Die unausgesprochenen. Diese kurzen Augenblicke, in denen jemand sich selbst zuflüstert: Ach, hätte ich doch. Hätte ich doch angerufen. Hätte ich doch zugehört. Hätte ich doch gesagt, was ich gefühlt habe. Hätte ich mich doch getraut. Diese Sätze kommen immer zu spät. Dann, wenn niemand mehr antworten kann.

Ein Leben. Vielleicht reicht genau das. Vielleicht war es nie wichtig, alles richtig zu machen. Vielleicht ging es nur darum, etwas zu hinterlassen, das bleibt, wenn alles andere geht. Nicht Besitz. Nicht Ordnung. Sondern Spuren in Menschen. Erinnerungen, die wehtun dürfen, weil sie echt sind. Und wenn es dann vorbei ist, zählt nicht, was möglich gewesen wäre. Sondern ob es dein Leben war. Nicht das der anderen.

Und jetzt?
Wenn du dein ganzes Leben von Anfang bis Ende sehen könntest?
Würdest du etwas ändern?