EIN KUNSTEXPERIMENT VON TORSTEN LUTTMANN NR. 001 / EDITION 1 VON 1

NOCH NICHT.

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01Edition 1/1Ein einziges Exemplar
02SigniertPersönlich vom Fotografen
03ZertifiziertMit Echtheitszertifikat
04ZugestelltPersönlich oder per Versand

Was ist ein Augenblick wert?

Während andere Sonnenblumen längst blühen, wartet diese eine noch. Ein Bild über Geduld, den richtigen Zeitpunkt und die Frage, was uns ein einziger Augenblick eigentlich wert ist.

NOCH NICHT!

Ich stand vor diesen Sonnenblumen und hätte es mir ziemlich einfach machen können. Ein bisschen nach links, die Kamera etwas höher, den richtigen Bildausschnitt suchen und eine dieser großen, prächtigen Blüten fotografieren, die ihre gelben Blätter längst in alle Himmelsrichtungen streckten. Sonnenblumen eben. So, wie man sie kennt. So, wie sie auf Postkarten, in Kalendern und auf irgendwelchen Wandbildern aussehen, die Menschen sich ins Wohnzimmer hängen, weil dort noch eine freie Stelle über dem Sofa ist.

Aber mein Blick blieb an einer anderen hängen. Einer, die offenbar noch nicht so weit war. Während um sie herum längst alles gelb leuchtete, stand sie da, mit ihrer verschlossenen Knospe, vollkommen unbeeindruckt von dem, was die anderen bereits erreicht hatten. Kein bisschen bemüht, irgendjemanden zu beeindrucken. Keine große Show. Einfach eine Sonnenblume, die noch keine Lust hatte, eine richtige Sonnenblume zu sein.

Ich fand das ziemlich geil.

Vielleicht auch deshalb, weil ich mich in diesem kleinen, störrischen Ding ein bisschen wiedererkannte. Ich meine, schauen wir uns doch mal an, was wir Menschen den lieben langen Tag veranstalten. Wir vergleichen uns mit anderen, schauen auf ihre Erfolge, ihre Wohnungen, ihre Beziehungen, ihre Urlaubsbilder und ihre verdammten Lebensläufe. Der eine hat mit dreißig ein Haus gebaut, die andere mit vierzig eine Firma gegründet und irgendjemand erzählt auf Instagram, wie er sich mit fünfundzwanzig finanziell unabhängig gemacht hat.

Herzlichen Glückwunsch. Ich bin Mitte vierzig und gelegentlich schon stolz auf mich, wenn ich morgens weiß, wo meine Schlüssel liegen. Wenn ich welche hätte.

Wir haben offenbar irgendwann beschlossen, dass es für alles im Leben einen richtigen Zeitpunkt gibt. Bis dreißig sollte man dies erreicht haben, bis vierzig jenes, und wer mit fünfundvierzig noch einmal von vorne anfängt, hat nach allgemeiner Vorstellung wohl irgendwo einen schweren Fehler gemacht. Als wäre das Leben eine Betriebsversammlung, bei der regelmäßig überprüft wird, ob alle ihre vorgeschriebenen Entwicklungsziele erreicht haben.

Was für ein Quatsch.

Diese Sonnenblume interessierte sich offensichtlich einen Scheiß dafür, wie weit ihre Nachbarinnen schon waren. Sie blühte noch nicht. Fertig. Vielleicht morgen. Vielleicht nächste Woche. Vielleicht auch erst dann, wenn die anderen längst ihre Köpfe hängen lassen. Sie hatte keinen Terminplan, keinen Erfolgsdruck und vermutlich auch keinen dieser unfassbar anstrengenden Menschen neben sich stehen, die ihr erklären wollten, dass sie nur fest genug an sich glauben müsse.

Ich fotografierte sie.

Und je länger ich mir das Bild später ansah, desto mehr mochte ich es. Nicht, weil es die schönste Sonnenblume zeigte. Sondern weil es etwas festhielt, das wir im Alltag gerne übersehen. Einen Zustand, der noch nicht fertig ist. Eine Möglichkeit. Etwas, das werden kann, aber noch nicht geworden ist. Und vielleicht liegt genau darin eine Schönheit, für die wir viel zu selten stehen bleiben.

Dann kam mir eine Idee.

Eine dieser Ideen, bei denen vernünftige Menschen wahrscheinlich erst einmal ihre Kaffeetasse abstellen, tief durchatmen und fragen würden, ob bei mir eigentlich noch alles in Ordnung sei.

Was ist so ein Augenblick wert?

Zehn Euro? Hundert? Tausend? Vielleicht sogar 25.000 Euro? Oder gar nichts?

Keine Ahnung.

Und genau das ist eigentlich das Interessante. Wir leben in einer Welt, in der beinahe alles mit einem Preisschild versehen wird. Häuser, Autos, Kleidung, Lebenszeit. Selbst unsere Aufmerksamkeit ist inzwischen eine Ware, mit der irgendwelche Unternehmen Milliarden verdienen. Aber wie bestimmt man den Wert eines Kunstwerks? Wer entscheidet darüber, ob ein Foto fünfzig Euro kostet oder fünfzigtausend? Der Mensch, der es gemacht hat? Eine Galerie? Ein Sammler? Oder irgendein Typ mit einem ausgesprochen großen Konto, der eines Morgens beschließt, dass ihm ausgerechnet dieses Bild an seiner Wohnzimmerwand fehlt?

In der Kunstwelt werden Millionen für Dinge bezahlt, bei denen ich manchmal nicht einmal sicher bin, ob ich sie versehentlich wegwerfen würde, wenn sie bei mir auf dem Küchentisch lägen. Gleichzeitig gibt es großartige Künstlerinnen und Künstler, die von ihrer Arbeit kaum leben können. Das ist keine Kritik an der Kunst. Eher an unserer ziemlich merkwürdigen Vorstellung davon, was Dinge wertvoll macht.

Also dachte ich mir: Scheiß drauf. Probieren wir was aus.

Ich mache aus diesem Foto ein Experiment.
Ein einziges Kunstwerk.
Keine Auflage mit fünfhundert Exemplaren, keine nachträglichen Sondereditionen, kein künstlich aufgeblasenes Marketinggeschwätz. Ein signiertes Werk. Ein Motiv. Eine Gelegenheit.

Und dafür verlange ich zunächst 25.000 Euro.

Ja. Fünfundzwanzigtausend.

Für eine Sonnenblume, die noch nicht einmal blüht.

Man muss den Quatsch dieser Geschichte schließlich auch ein bisschen genießen können.

Allerdings gibt es einen Haken. Dieser Preis bleibt nicht bestehen. Jeden Tag sinkt er um 500 Euro. Ganz automatisch. Ohne Verhandlungen, ohne Rabattcodes und ohne die freundliche Nachfrage, ob beim Preis vielleicht noch etwas zu machen sei. Heute kostet das Bild mehr als morgen. Morgen mehr als übermorgen. Und irgendwann steht dort vielleicht eine Zahl, bei der jemand sagt: Jetzt.

Vielleicht kauft es tatsächlich jemand für 25.000 Euro. Vielleicht für 12.500. Vielleicht wartet jemand, bis nur noch 1.000 Euro auf dem Preisschild stehen. Und vielleicht interessiert sich auch überhaupt niemand dafür. Dann habe ich wenigstens ein ausgesprochen unterhaltsames Experiment veranstaltet und kann mir irgendwann selbst erklären, weshalb ich zwischenzeitlich versucht habe, eine geschlossene Sonnenblume für den Gegenwert eines ordentlichen Gebrauchtwagens zu verkaufen.

Aber genau das möchte ich herausfinden.

Denn mit jedem Tag verändert sich zwar der Preis, aber nicht das Foto. Die Sonnenblume bleibt dieselbe. Das Licht verändert sich nicht. Die Komposition bleibt bestehen. Der Augenblick, in dem ich auf den Auslöser gedrückt habe, wird nicht weniger einzigartig, nur weil irgendein Zähler auf einer Internetseite fünfhundert Euro abzieht.

Und trotzdem werden Menschen das Bild an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich bewerten.

Vielleicht findet es jemand heute wunderschön, kann sich aber nicht vorstellen, so viel Geld dafür auszugeben. Vielleicht schaut derselbe Mensch in zwei Wochen wieder vorbei und denkt ernsthaft darüber nach. Vielleicht beobachtet jemand den Preis jeden Morgen beim ersten Kaffee, wartet auf seine persönliche Schmerzgrenze und stellt irgendwann fest, dass ein anderer schneller war.

Das wäre dann Pech.

Ob jemand dieses Foto kauft, weiß ich nicht. Ob das Experiment funktioniert, genauso wenig. Vielleicht wird es eine wunderbare Geschichte. Vielleicht ein Reinfall, zumindest gemessen an meinen ziemlich optimistischen Anfangsvorstellungen. Beides wäre in Ordnung. Ich wollte etwas ausprobieren und genau das mache ich jetzt.

Und vielleicht mag ich auch den Gedanken, dass irgendwo da draußen ein Mensch sitzt, der sich dieses Bild ansieht, darüber nachdenkt, den Preis beobachtet und sich jeden Tag dieselbe Frage stellt.

Kaufe ich es?

Oder warte ich noch?

Noch nicht.

Zwei kleine Worte, die manchmal vollkommen richtig sind.

Und manchmal der Grund, warum uns etwas entgeht.

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Verkäufer: Torsten Luttmann
Zu den Kämpen 10
26169 Friesoythe

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