30. April 2026.
Draußen feierten Menschen in den Mai. So macht man das hier. Irgendwo standen geschmückte Birken vor den Häusern. Auf irgendwelchen Terrassen lief Musik. Menschen tranken Bier, saßen in Jacken im letzten Abendlicht und diskutierten vermutlich darüber, ob man den Grill nicht doch noch einmal anmachen sollte. In irgendeinem Garten erklärte jemand zum dritten Mal, dass es nachts aber noch ganz schön frisch werde. Irgendwo lief ein Song, bei dem alle den Refrain kannten. Menschen lachten. Menschen hatten Pläne für den Abend.
Ich hatte keine. Nicht nur für den Abend. Das war das Problem. Ich lag in einem Krankenhausbett und starrte an die Decke. Weiße Platten. Neonlicht. Diese vollkommen emotionslose Krankenhausdecke, die vermutlich schon von sehr vielen Menschen vor mir angestarrt worden war. Menschen die traurig waren. Menschen mit Angst. Menschen, die auf Untersuchungsergebnisse warteten. Menschen, die hofften, bald wieder nach Hause zu dürfen. Und jetzt eben ich. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort lag. In Krankenhäusern funktioniert Zeit sowieso anders. Minuten können erstaunlich lang sein, während ganze Stunden einfach verschwinden. Irgendwann gibt es Essen. Irgendwann kommt jemand mit einem Blutdruckmessgerät. Irgendwann rollt draußen ein Wagen vorbei. Dann wieder Schritte. Türen. Stimmen. Ein Telefon klingelt. Irgendwo piept etwas. Und danach passiert wieder eine ganze Weile gar nichts. Krankenhäuser sind erstaunlich unspektakuläre Orte für große Lebenskrisen.
Im Film wäre das anders. Da würde es regnen. Natürlich würde es regnen. Draußen vor dem Fenster würden Tropfen langsam über die Scheibe laufen, während irgendwo sehr zurückhaltend ein Klavier einsetzt. Vielleicht säße ich nachts allein auf einer Bank vor dem Gebäude. Kapuze auf. Rauchend. Menschen rauchen in solchen Situationen immer, auch, wenn es kacke ist. Blick in die Ferne. Irgendjemand würde aus dem Off einen bedeutungsvollen Satz sagen. Vielleicht würde auf dem Flur jemand weinen. Oder sich versöhnen. Oder lieben. Emotional, meine ich. Nicht körperlich. Wir sind immer noch in einem Krankenhaus. Nicht in einem Porno. Egal. Und dann würde der Hauptdarsteller irgendwann tief einatmen, dramatisch in den Himmel schauen und endlich verstehen, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Bei mir spielte kein Klavier. Es regnete meines Wissens auch nicht besonders filmreif. Ich lag einfach da. Und wusste nichts. Vor allem wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Nicht nächste Woche. Nicht nächstes Jahr. Nicht irgendwann.
Das war vermutlich das eigentlich Beunruhigende. Nicht, dass ich keinen fertigen Plan hatte. Wer hat den schon? Einige Menschen besitzen zwar Excel-Tabellen, Wandkalender und farblich sortierte Ordner und erwecken damit erfolgreich den Eindruck, sie hätten ihr Leben organisatorisch im Griff. Spoiler: Haben sie vermutlich auch nicht. Sie finden nur ihre Unterlagen schneller. Aber normalerweise haben Menschen zumindest irgendwelche Bilder von ihrer Zukunft. Keine präzisen. Eher kleine Szenen. Urlaub. Ein Haus. Eine neue Wohnung. Ein anderer Job. Eine Reise. Ein Konzert. Eine Beziehung. Kinder. Rente. Ein Garten. Ein Hund. Drei Wochen Italien. Irgendwas. Man trägt solche Bilder mit sich herum. Nicht ständig bewusst. Aber sie sind irgendwo da. Kleine Leuchtreklamen im Kopf, die einem erzählen: Da hinten kommt noch was. Manchmal sind diese Bilder realistisch. Manchmal kompletter Quatsch. Das ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass da überhaupt etwas leuchtet. Bei mir war ziemlich viel dunkel.
Und während andere Menschen vermutlich gerade ihre erste Bierflasche öffneten und entschieden, ob sie noch eine Jacke brauchten, lag ich auf dieser Decke und merkte, dass ich keine verdammte Ahnung hatte, welches Bild ich eigentlich noch von meinem eigenen Leben hatte.
Das klingt dramatisch. Es fühlte sich aber gar nicht besonders dramatisch an. Das ist vielleicht das Gemeine daran. Es fühlte sich leer an. Leere hat kein großes Orchester. Sie brüllt nicht. Sie schlägt keine Türen zu. Sie sitzt einfach da. Sehr unaufdringlich. Und irgendwann merkt man, dass sie schon ziemlich lange da sitzt.
Ich hatte viele Jahre etwas gemacht, das vermutlich ziemlich viele Menschen machen. Ich hatte Sachen und geilen Scheiß verschoben. Nicht absichtlich. Niemand setzt sich morgens mit einem Kaffee hin und sagt: „So Partypeople. Heute ignoriere ich mal einfach alles, worauf ich eigentlich richtig Bock habe.“ Das wäre wenigstens ehrlich. Wir machen es eleganter. Wir sagen, Später. Wenn mehr Kohle da ist. Wenn die Kinder größer sind. Wenn im Job weniger los ist. Wenn wir wieder fitter sind. Wenn jemand mitkommt. Wenn das Wetter geiler ist. Wenn die Beziehung besser läuft. Wenn die Beziehung vorbei ist. Wenn wir jemanden kennengelernt haben. Wenn wir endlich mal allein sind. Wenn Sommer ist. Wenn überhaupt irgendwann mal Sommer ist. Moin Norddeutschland. Wenn der Stress vorbei ist. Wenn dieses eine Problem gelöst ist. Wenn Montag ist. Wenn Januar ist. Wenn das nächste Gehalt kommt. Wenn wir mehr Zeit haben. Wenn wir weniger Angst haben. Wenn wir genau wissen, wie es geht.
Ja, scheiße. Dann. Dann machen wir das. Ganz bestimmt. Das kleine Wort irgendwann hat einen krass guten Ruf. Es klingt freundlich. Ungefährlich. Fast optimistisch. „Das mache ich irgendwann mal.“ Hört sich doch super an. Als gäbe es bereits einen Plan. Als läge irgendwo im Kalender ein Termin, den man gerade nur nicht nachschlagen will. Dabei ist „irgendwann“ meistens gar kein Zeitpunkt. Es ist die höflichste Form von Nein.
Die Leseprobe ist zum Lesen gedacht. Direktes Kopieren und Drucken wird technisch erschwert; einen vollständigen Kopierschutz kann eine Webseite nicht garantieren.