Sturmwarnung

Warnung vor Sturm

Nur, wenn Du bereit bist, an seine Macht zu glauben.

Es ist Mittwoch. Der vierte Tag des Jahres, kurz vor fünf Uhr morgens. Draußen ist der Wind damit beschäftigt, den Regen vor die Fenster zu drücken. Es liegt eine Unwetterwarnung vor. Stufe Orange vor Sturm/Orkan. So oder so, es ist ungemütlich und unschön vor der Haustür. Das beste Wetter, um mit einem guten Gewissen im Büro zu bleiben. Und dass, obwohl ich noch so etwas wie Urlaub habe. Nächste Woche geht es richtig los.

Nun gut. Der Wind drückt heftig und pfeift um die Ecken des Hauses. Vielleicht hört es sich hier, hinter den Scheiben, schlimmer an, als es wirklich ist. Nach draußen zu schauen scheint um diese Zeit nahezu unmöglich. Die Dunkelheit hat das Dorf im Griff und die schweren Wolken, die über den Dächern hängen, lassen es nicht zu, dass das Licht des Mondes die Erde ein Stück weit erhellen kann. Die Straßenlaternen vor dem Haus leuchten noch nicht. Um mir einen Überblick zu verschaffen, gehe ich in den Garten. Zur Hütte hinter dem Haus, in dem das Holz lagert.

Im Schein der Taschenlampe sehe ich das nasse Pflaster. Die Äste der Eiche tanzen kräftig hin und her. Von den Windfedern der Hütte tropft der Regen. Das nasse Laub hingegen scheint am Rasen zu kleben. Ich nehme nur so viel Holz, wie ich gerade tragen kann. Ein paar kleine und ein paar große Stücke. Die Taschenlampe klemme ich unter dem Arm ein. Das Wort ungemütlich beschreibt die Situation am besten. Das Wort bedrohlich würde ich nicht wählen. Draußen herrscht der Sturm, ohne Frage. Doch ich denke, dass seine Kraft durch die Häuser gebremst wird. Im freien Feld, hinter dem Dorf, kann die Sache natürlich anders aussehen. Ich weiß es nicht.   

Ein kleiner Funken.

Im Kamin liegt ein verkohltes Stück Holz. Ein Überbleibsel der letzten Nacht. Fast unscheinbar glimmt auf diesem ein kleiner Funke. Sein orangefarbenes Licht setzt sich in der Dunkelheit gut sichtbar ab. Ein kleiner Funken, der mir auf irgendeine Art und Weise Freude bereitet. Vorsichtig nehme ich das abgebrannte Stück Holz mit einer Hand aus dem Kamin. In der anderen Hand halte ich leichtes Brennmaterial. Ein paar sehr, sehr dünne Holzspäne. Ob mein Vorhaben funktioniert, weiß ich nicht. Ich lege die Späne auf den kleinen, glühenden Punkt. Vorsichtig puste ich ihn an. Sein Licht wird stärker. Ich puste etwas kräftiger. Leichter Rauch steigt auf. Die Luftqualität im Raum verschlechtert sich so gleich. Egal. Ich puste weiter und mit jedem Mal kräftiger. 

Der Funke springt über. Auf die trockenen Späne. Der Rauch wird stärker. Ein gutes Zeichen, denn nur einen kleinen Augenblick später, fangen die Späne Feuer. Die brennende Menge lege ich zurück in den Kamin, lege ein paar kleinere Holzstäbe und ein, zwei kleinere Stücke Holz dazu. Die Luftzufuhr des Kamins öffne ich maximal. Das Feuer bekommt Sauerstoff und hat mit dem Holz genügend Angriffsfläche. Es beginnt zu knistern und nicht mehr lange und das Feuer erwärmt den Raum.

Nachdem ich den Ruß und den Dreck von meinen Händen gewaschen und mir eine zweite Tasse Kaffee eingeschenkt habe, nehme ich auf dem alten Sessel, der vor dem Kamin steht, Platz. Draußen heult der Sturm. Er wirft den Regen gegen die Fenster. Drinnen knistert das Feuer. Ansonsten herrscht Stille. Keine Musik. Keine Nachrichten aus dem Radio. Nicht einmal das Ticken einer Uhr ist zu hören. Nur der Sturm, das Feuer und ich.

Sinnbilder

Etwas ärgere ich mich schon. Darüber, dass ich den Vorgang des Feuermachens nicht bildlich festgehalten habe. Darüber, dass ich den kleinen Funken und das Feuer, das letzten Endes aus ihm entstanden ist, nicht fotografiert habe. Es wäre so ein schönes Sinnbild gewesen. Ein Sinnbild dafür, dass aus etwas wirklich Kleinem, etwas Unscheinbaren, etwas Großes entstehen kann. Ein Sinnbild dafür, dass aus einem kleinen Funken, der am Ende für eine Idee, einen Traum oder eine Vision stehen könnte, ein großes Feuer werden kann, welches es schafft, große Räume zu erwärmen oder eben eine Menge an Menschen zu begeistern. Allerdings nur, wenn die Person, die den Funken in ihren Händen hält, bereit ist, an die Macht des Funkens zu glauben. 

Wahrscheinlich ärgere ich mich grundlos, habe ich es letzten Endes doch festgehalten. In geschrieben Bildern, in aneinandergereihten Buchstaben. Der Funken ist zum Teil einer Geschichte geworden, die bei jeder Leserin und jedem Leser Bilder erzeugen kann. Bilder, die in der Fantasie entstehen und diese darf bekanntlich ohne Grenzen sein. Sie ist der Schlüssel, der unbemerkt Dinge in Bewegung setzt. Sie ist die Kraft, die den Fortschritt am Leben hält. Dank ihr ist alles möglich, ungeachtet aller Möglichkeiten. Die Fantasie und die Träume sind der Motor der Evolution. Und vielleicht, nur vielleicht, ist diese Geschichte von meinem Funken, ein Funken, den ich Dir in Deine Hände lege.  

Sturmwarnung.

Die Lichter der Straßenlampen beginnen zu leuchten. Vereinzelt fahren Autos über die Straße. Nicht viele. Zwei. Drei. Nicht mehr. Neben dem Knistern des Feuers ist der Sturm zu hören. Der Blick aus dem Fenster zeigt Regen, der im Schein der Lichter über die Pflastersteine fegt. Wasser findet durch die Rinnsale der Straße seinen Weg in die Kanalisation. Ich muss heute nicht raus. Ich kann, wenn ich möchte. Ob ich möchte, wird sich zeigen. Es gibt eine Sturmwarnung. Orange. Vor Orkan. Vielleicht verbringe ich den Tag im Haus. Im Büro. Vor dem Kamin. Vielleicht trinke ich eine weitere Tasse Kaffee. Mal sehen. Der Tag ist noch jung, das Jahr noch frisch und trotzdem trägt es bereits einen kleinen Funken bei sich. Eigentlich schön, oder?  

Es ist zehn vor sieben. Am Morgen. Die Zeit vergeht.