Tu, was Du willst.

Der Anfang ist immer dunkel.

Die ersten Tage eines neuen Jahres fühlen sich zuweilen an, als würde ich damit beginnen, das erste Kapitel einer neuen Geschichte zu schreiben. Gedankenverloren sitze ich am Schreibtisch, blicke aus dem Fenster nach draußen, wo es wieder einmal regnet und halte, verträumt meinen Stift in der Hand, der nichts tuend über einem weißen Blatt Papier kreist.  Im Hintergrund laufen leise Pianoklänge, die mir seit geraumer Zeit viel besser gefallen als die harten Gitarrensaiten und die schnellen Drums. Liegt vielleicht am Alter. 

Während ich so nichts tuend auf dem Stuhl sitze, hängen meine Gedanken an dem großartigen Buch, welches Michael Ende einst schrieb. In diesem Buch entdeckt Bastian ein sehr geheimnisvolles Buch, „die unendliche Geschichte“ in dem es um die Abenteuer des Helden Atréju geht. Dieser hat den Auftrag das Reich Phantásien und seine Herrscherin, die Kindliche Kaiserin, zu retten. Und je weiter sich Bastian in dieses Buch vertieft, desto mehr merkt er, dass er selbst ein Teil dieser unendlichen Geschichte zu sein scheint. 

Das Zeichen der Kindlichen Kaiserin ist das AURYN. Es wird von jenen getragen, die im Auftrag der Kindlichen Kaiserin stehen und in ihrem Namen handeln können. So, als sei sie selbst anwesend. Auch Bastian selbst wird im Laufe der Geschichte zum Träger des AURYN. Auf diesem Zeichen stehen die Worte „Tu, was Du willst“. Am Anfang glaubte Bastian also es ginge darum zu tun, was einem gerade durch den Kopf ginge, doch im Verlauf seiner Reise durch Phantásien merkt er schnell, dass es für etwas anderes steht. Es bedeutet: 

Finde heraus, was Dir wirklich wichtig ist. 

Die Dinge zu tun, die mir gerade durch den Kopf schwirren ist leicht. Meistens jedenfalls. Die Dinge zu erkennen, die mir aber tatsächlich etwas bedeuten, die mir wichtig sind, ist alles andere als leicht. Es setzt voraus, dass ich mich mit mir selbst beschäftige, mir selbst Fragen stelle und vor allem selbst die Antworten darauf entdecke. Komplett losgelöst von dem, was andere denken, fühlen oder erwarten können.

Ich muss an eine Szene aus dem Buch denken, die ich in meinem Gedächtnis zwischengelagert habe. Ob ich sie nun richtig und der entsprechenden Reihenfolge wiedergebe, weiß ich nicht. Bastian sprach leise in die Dunkelheit hinein. Ihn umgab nichts. Es gab keinen Lichtschein, er konnte nicht das Geringste sehen. Doch war diese Dunkelheit keine kalte, unheimliche Finsternis, sondern ein samtenes, warmes Dunkel. Eine Dunkelheit, in der er sich geborgen und glücklich fühlte. 

Er stand nicht in dieser Dunkelheit. Er schwebte. Es gab keine Wände, keinen Boden, nur das Gefühl von Losgelöstheit und grenzenloser Freiheit. Es gab nichts, dass ihn belastet oder beengt hätte und für einen Augenblick glaubte er sogar, er sei gestorben. Doch dann beginnt ein Dialog, den ich hier natürlich nicht im Ganzen wiedergeben möchte.

Wo sind wir?“, fragte Bastian. 
Die Stimme antwortete: „Ich bin bei Dir. Du bist bei mir.“ 
Wieder fragte Bastian die Stimme: „Ist das nun das Ende?
Nein“, antwortete die Stimme, „es ist der Anfang.

Bastian war etwas verwirrt. „Warum ist es so dunkel?
Der Anfang ist immer dunkel, mein Bastian.“ 

Der Anfang des Jahres.

Der Anfang ist immer dunkel, flüsterte das Mondenkind Bastian leise zu. Was für ein wunderbarer Gedanke. Leise lege ich den Stift auf das Blatt Papier, drehe die Heizung runter und stelle den Rechner aus. Das Smartphone bleibt unbeachtet auf dem Tisch. Weder am Schreibtisch noch in den sozialen Netzwerken finde ich Antworten auf meine Fragen. Der Anfang ist immer dunkel. Ich denke noch einmal darüber nach. Was für ein wunderbarer Gedanke…