Sprache

Der Verfasser und seine Zeit sind längst begraben.

Als am gestrigen Abend der Wind gegen die Fenster schlug und der Regen stetig fiel, vergrub ich mich in einer alten Sage, die von dem Schulmeister eines Dorfes, einem Reiter, in einem alten Wirtshaus erzählt wurde. Der Verfasser jener Zeilen und seine Zeit sind längst begraben. Mit einer dampfenden Tasse Tee und einer wärmenden Decke auf den müden Beinen, verlor ich mich in den Worten und fühlte gleich den Schauer, den jene Geschichte in sich trug. Doch mehr beeindruckte mich der Umstand, wie sehr der Schreiber es vermochte, mit seinen Worten Bilder zu erzeugen, die den Gemälden großer Künstler ähnlich waren. 

Je mehr ich mich selbst in der Geschichte verlor und je tiefer ich in die Landschaft, die an den nordfriesischen Deichen mit ihrer öden, bereits vom Vieh geleerten Marsch spielte, eintauchte, desto mehr spürte ich das unbehagliche Wetter, die gelbgrauen Wellen der Nordsee und das Wutgebrüll, mit dem sie an den Deich hinauf schlugen. Zuweilen musste ich mich selbst daran erinnern, dass all das nicht vorhanden war und ich sicher und trocken am Kaminfeuer saß. Welch eine Macht doch Sprache haben kann, dachte ich dabei und trank anschließend einen Schluck des Tees, der wohl wärmend meine Kehle hinabfloss.

Sprache ist etwas Wunderbares. Sie ist mehr als ein System von Zeichen, welches verschiedene Wörter nach grammatikalischen Regeln miteinander verbindet. Sprache ist die Freude des Menschen an gesprochenen und geschriebenen Worten. Sie ist unser Reichtum, der sich oftmals in der Poesie und der Lyrik offenbart. Mit ihrer Hilfe können wir malen, motivieren, begeistern und Freude schaffen. Gleichwohl vermag sie es zu manipulieren, zu verletzen und zu zerstören. Zuweilen, so scheint es mir, schenken wir ihr allerdings selten tiefere Beachtung. Wir kürzen, streichen, verrohen und achten nicht auf sie, weil dieses uns oftmals zu schwierig oder langatmig erscheint. Ich mag falsch liegen in meiner Behauptung. Und wenn dem so ist, dann erscheint mir mein Fehler als ein Zustand des Glückes, denn dann ließe sich das Gegenteil beweisen. 

Sprache wandelt sich.

Mir ist bewusst, dass das Leben Veränderung bedeutet. Und mit der Zeit, die jene in sich trägt, wandelt sich die Sprache. Der Stil des Erzählers, der mich in den gestrigen Abendstunden so begeistern konnte, ist oftmals überholt, wenn nicht längst vergessen. Und doch trägt er eine Schönheit in sich, derer wir uns wieder erinnern dürfen. Die Art und Weise, wie in der Sage berichtet wurde, bringt – jedenfalls für mich – eine Ruhe mit sich, die mich oftmals die aktuelle und schnelllebige Zeit vergessen lässt. Sie wirkt beruhigend, selbst dann, wenn die Geschichte schaurig und düster daherkommen mag. 

Wohlgleich bin ich darüber im Klaren, dass sich die Veränderung der Sprache kaum aufhalten lässt, ist sie doch immer ein Ausdruck der Zeit, der Mode und des Lebensgefühls einer ganzen Generation. Oftmals versteht die Jugend das Alter nicht und das Alter tut sich schwer mit der Sprache der Jugend. Vielleicht ist es meine schwindende Jugend, die hier diese Zeilen schreibt, wer weiß das schon genau? Oder vielleicht schenke ich nur, in einem Anflug der Melancholie, dem Verschwinden alter Sprachgebräuche zu viel Beachtung? Ich weiß es nicht. 

Nun gut. Vielleicht ist dem so. Vielleicht trage ich dem Ganzen, in Anbetracht der Tatsache mich am gestrigen Abend in alten Geschichten verloren zu haben, zu viel Gewichtung bei. Vielleicht erfreut sich die Jugend an anderen Sprachgebräuchen mehr, als es das Alter möchte. Sei es drum. Das neue Jahr schlägt nun schon einige Tage zu Buche und ich habe es noch nicht in Gänze geschafft, mir einige Ziele für die kommende Zeit zu notieren. Vielleicht fange ich einfach jetzt damit an und formuliere für mich das Ziel, meiner Sprache mehr Beachtung zu schenken, mehr in den alten Schriften zu lesen und dadurch vielleicht sogar längst vergessene Sprachgebräuche neu zu entdecken. Ganz losgelöst von allem, wäre das unter gewissen Umständen ein spannendes Abenteuer, denn ganz gewiss wären mir einige verwunderte Blicke sicher.