Jahresendgedanken

Ich vermisse die Menschen, die auch mal scheitern.

2022 endet. Ein Kapitel schließt sich. Und wenn dieses Kapitel auch Geschichten in sich trägt, die zuweilen nicht sonderlich schön waren, lohnt es nicht, diese Seiten herauszureißen. Sie sind ein Teil der gesamten Geschichte und es gibt keine Geschichten, in denen immer nur die Sonne scheint. Jedenfalls keine ehrlichen. 

Draußen war es längst dunkel geworden. Ich saß auf dem Boden, vor dem Kamin und wärmte mich am Feuer. Meine Gedanken verschwanden in Richtung Vergangenheit. Die Wohnung lag am nördlichen Rand des Dorfes. Es war eine Oberwohnung. Sie hatte einen Balkon und von diesem aus, konnte ich auf ein Feld blicken. In den Sommer- bzw. Herbstmonaten wuchs dort oftmals Mais heran. In den Wintermonaten lag es brach, bis es im Frühjahr wieder bestellt wurde.

Auf der rechten Seite der Wohnung gab es einen kleinen Raum, welches mir als Arbeitszimmer diente. Blickte ich dort aus dem Fenster, sah ich einen Bauplatz, der bis heute nicht bebaut wurde. Die Kinder der Siedlung hatten dort, in Absprache mit dem Besitzer der Fläche, Fußballtore aufgestellt. Über Tag bolzten dort immer wieder Jungen und Mädchen. Mal waren die Mannschaften gerecht, manchmal spielte eine Mannschaft in der Unterzahl. Laut war es oft. Auf eine angenehme Art. 

In den Abendstunden kehrte Ruhe in der Siedlung ein. Der Platz wurde nicht bespielt, die Ackerfläche hinter dem Haus nicht bearbeitet. Verkehr auf der Straße gab es wenig. Nur selten fuhren dort Autos zu den einzelnen Häusern. Es war und ist bis heute eine sehr ruhige Siedlung. In diesen Abendstunden saß ich des Öfteren in dem kleinen Arbeitszimmer und schrieb Geschichten, die ich auf einem Blog veröffentlichte, der heute längst nicht mehr existiert.   

Als ich vor dem Feuer saß, kreisten meine Gedanken im Jahr 2009. Vielleicht war es 2010. Im Internet war Facebook zu einem Thema geworden, Instagram stand in den Startlöchern. Viele kreative Menschen, die eine Leidenschaft zum Schreiben hatten, tummelten sich in einer Sphäre, die als Blogosphäre bekannt war, die Gesamtheit der Weblogs im Internet. Sie teilten dort ihre Gedanken, ihre Geschichten des Alltages, sie teilten das, was ihnen gefiel aus einem Antrieb der Begeisterung heraus.  

Blogs wurden zu Geschäftsmodellen.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sich diese Blogosphäre veränderte. Einige dieser Blogs wurden zu großen Onlinemagazinen. Andere zu Themenratgebern, die nur noch mit Mehrwerten für die Leserinnen und Leser punkten wollten. Zahlreiche der kleinen Blogs, die leidenschaftliche und authentische Texte in sich trugen, verschwanden komplett von der Bildfläche. Und bei vielen die blieben, sich veränderten oder sogar zu Marken wurden, ging es oftmals darum, Profit aus den Beiträgen zu schlagen.

Die ehrlichen Texte und Geschichten verschwanden nach und nach. Die Authentizität ging verloren. Das Internet von früher, welches durch Ecken und Kanten bestach, wurde zum Hochglanzmagazin, welches durch nahezu perfekte Fotos bestach und mit der Realität nicht mehr viel zu tun hatte. Der Siegeszug von Instagram & Co. besiegelte diese Veränderung immer mehr. 

In den letzten Tagen habe ich mich des Öfteren durch das Internet gewühlt. Ich habe nach jenen Blogs Ausschau gehalten, die ich damals so gern gelesen habe. Die meisten sind tatsächlich verschwunden. Andere liegen brach, wie Ackerflächen im Winter. Wahrscheinlich lohnt sich der Aufwand, einen Blog ehrlich und authentisch zu betreiben nicht mehr, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen durch die sozialen Medien unfassbar kurz geworden ist.

Statt lange Texte zu lesen, werden lieber Reels konsumiert. Und ich will und werde das gar nicht verurteilen, sitze ich doch selbst gerne auf dem Sofa und schaue mir die kurzen Videos auf den verschiedenen Plattformen an. Die Zeit hat sich verändert und es macht keinen Sinn, an dem vergangenen festzuhalten.

Ich kann mich an einen Satz erinnern, den Hannah-Maria mal geschrieben hat. Er lautete: „Es sind die leisen Stimmen mit gutem Inhalt, die das Internet verzaubern.“ Es sind die leisen Stimmen… 

Sie fragte damals nach den authentischen jungen Stimmen unserer Generation, nach den Stimmen der vorherigen Generationen und nach den Stimmen der folgenden Generationen. Sie fragte nach den Stimmen, die losgelöst jeglicher Werbeslogans wirklich etwas zu sagen haben. Wo sie geblieben sind? Manchmal frage ich mich das schon.  

Wo sind die echten Menschen?

Das Internet ist voll mit großartigen Menschen. Menschen, die etwas zu sagen haben. Menschen, die eine Meinung vertreten. Menschen, die mit ihren Inhalten versuchen, diese Welt zu einem anderen, vielleicht besseren Ort zu machen. Das möchte ich gar nicht abstreiten. Aber ich vermisse die Menschen, die nicht immer nur lachen. Ich vermisse die Menschen, die auch mal scheitern, die mal zweifeln und die sich mit tiefen Augenringen präsentieren, weil der Stoff, den sie zu erledigen haben, doch manchmal zu viel ist. Ich vermisse das echte Leben.

2022 endet. Ein Kapitel geht zu Ende. Und vielleicht gibt es in diesem Kapitel viele Geschichten, die ich erlebt, aber nie erzählt habe. Vielleicht gibt es Geschichten, die vom Scheitern handeln, vom Zweifeln und von viel zu tiefen Augenringen. Vielleicht gibt es Geschichten vom echten Leben, die ich nicht erzählt habe. Und wenn ich das ehrliche Leben vermisse, dann liegt es doch an mir, davon zu erzählen, oder? Ein neues Jahr wird kommen und es wird kein neues Leben mit sich bringen. Aber ein weiteres Kapitel mit weiteren Geschichten und irgendwie verspüre ich eine tiefe Lust in mir, davon zu erzählen.