Ein Freitag im Januar.

Ich machte mir zu viele scheiß Gedanken

Es war ein Freitag im Januar, als Joachim den Termin absagte. Er habe Handwerker auf dem Dach und die Arbeiten würden sich hinziehen, sagte er. Das verstand ich. Handwerker auf dem Dach sind ein plausibler Grund, einen Verabredung abzusagen und gegebenenfalls zu verschieben. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass es regnen könne. So nahm ich, aufgrund der geschenkten Zeit, die eine Zeit der guten Sorte war, meine Kamera und zog ins Feld. Zuweilen ist es eine gute Idee, die Welt ein Stück weit hinter sich zu lassen. 

Leichter Wind zog durch die Äste der Bäume. Zuweilen knarrten sie, was aber kaum bedrohlich wirkte. Eine der alten Birken hatte dem letzten Sturm nicht standhalten können. Sie war gefallen und lag quer über dem Fluss. An dem Holz des Baumes, welches zum Teil über der Wasseroberfläche lag, staute sich der Schmutz des Flusses. Müll konnte ich keinen entdecken. Ich ließ den Fluss, Fluss sein und bog nach links in den alten, zum Teil verwachsenen Feldweg ein. Der Wind stand mir im Rücken und schob meinen Geruch nach vorne. Ein Nachteil, aus meiner Betrachtungsweise. 

Während ich, zum Teil sehr langsam, durch das nasse Gras ging, wechselte mein Blick von der Weite des Feldes zu meinen Stiefeln und wieder zurück. Ich trug nasse, dreckige Gummistiefel. Stiefel, mit einem Reißverschluss an den Seiten und einer Neoprenfütterung gegen die Kälte. Günstig waren sie seinerzeit nicht. Schön ebenfalls nicht. Und dennoch eine der besten Investitionen der letzten Jahre. Zum Kauf hatte mir ein Jäger geraten mit den Worten, dass ich diesen nicht bereuen würde. Was soll ich sagen? Er hatte Recht.  

Dem Algorithmus hinterher

Auf dem alten Weg, an dem auf der linken Seite ein tiefer Graben entlang fließt, standen drei neugierige Rehe. Ricken, wie ich an den Schürzen am Hinterteil deutlich erkennen konnte. Da der Wind mir entgegen kamen und ich sehr ruhig und leise ging, hatten sie mich nicht bemerkt. Langsam kniete ich mich auf den nassen Boden und schaute ihrem Treiben in stiller Betrachtung zu. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, sie mit meiner Kamera zu fotografieren. Allerdings nur so weit, dass ich sie nicht störte. Da ich sie nicht verschrecken wollte, blieb ich auf den Knien. Und während sie friedlich, auf der zum Teil freien Fläche ästen, hing ich meinen Gedanken nach. 

Ich dachte über die Fotos auf der Speicherkarte der Kamera nach. Darüber, welchen Text ich dazu schreiben könnte. Ich machte mir Gedanken, wann ich Bild und Text auf den sozialen Netzwerken zeigen, welche Uhrzeit für den Algorithmus am besten wäre und ob das Foto den Nutzerinnen und Nutzern gefallen würde. Ich machte mir zu viele scheiß Gedanken und verpasste dabei vielleicht die schönsten Augenblicke des Momentes. Plötzlich bemerkte ich, dass die Tiere längst weitergezogen waren. Vielleicht hatte ich sie verschreckt, vielleicht waren sie langsam fort gegangen. Ehrlich gesagt, ich wusste es nicht. 

Waren sie vielleicht über den Graben gesprungen und in den Tiefen des Moores verschwunden? Hatten sie die Richtung gewechselt und auf den anderen Wiesen andere Leckereien gefunden? Ich hatte keinerlei Ahnung, war ich doch zu sehr mit unwichtigen Gedanken beschäftigt gewesen. Jetzt, gerade, während ich diese Worte tippe, stelle ich fest, dass ich, dass wir vielleicht doch oftmals zu sehr dem Algorithmus hinterher jagen und uns zu viel mit der Zahl jener, die uns folgen möchten, identifizieren. Spielt diese Zahl denn am Ende überhaupt eine Rolle? Sagt sie etwas darüber aus, wer wir sind? Ich glaube, wenn der Tag der Tage kommt, jene Stunde, an dem wir das zum letzten Mal die Sonne sehen dürfen, wird niemand wirklich fragen, wie viele Follower wir hatten. 

Instagram & Co.

Ich mag Instagram. Ich mag die Möglichkeit, meine Gedanken, Texte und Bilder zu teilen. Ich mag es, jedenfalls für Augenblicke, in die Gedanken, Texte und Bilder, vielleicht sogar in die Leben anderer einzutauchen. Und doch wird eines Tages der Moment kommen, an dem mein Profilbild auf dem Server des Netzwerkes verblasst und sich niemand mehr dafür interessiert. Das mag traurig erscheinen, doch am Ende ist es nichts anderes als die Wahrheit. 

Vielleicht jagen wir zu oft dem Algorithmus hinterher, versteifen uns zu sehr auf die Zahlen, die Views und Likes. Vielleicht haben wir verlernt, dass die Anerkennung, nach der wir so verzweifelt suchen, längst in uns steckt und wir uns selbst auf die Schulter klopfen dürfen, wenn wir nur möchten. Vielleicht haben wir vergessen, dass wir nicht sein müssen, wie ein System, welches oftmals nur aus Trends besteht uns vorgaukeln möchte. Ich brauche keinen Mercedes, keine Luis Vuitton Tasche und keine Reise in die teuersten Städte, um wer zu sein. Ich bin nicht die Zahlen, die Likes und die Kommentare. Und ich muss nichts werden, weil ich schon längst etwas bin.

An jenem Freitag im Januar erhob ich mich von meinen Knien. Die Hose war nass und schmutzig. Unter meinen Fingernägel hatte sich ein Teil der nassen Erde gesammelt. Die Rehe waren längst verschwunden und scherten sich wahrscheinlich einen Dreck um mich. Für einen Moment brach durch die dichte Wolkendecke das Licht der Sonne und warf mir das Leben vor die Füße. „Mach was draus“, brüllte es mich an, „aber mach Dir nichts draus, was das System von Dir hält. Du bist ihm sowieso egal.“ Und wahrscheinlich hatte es Recht. Wahrscheinlich hatte das Leben recht.