Gedanken

Das Gegenteil von Perfekt

Ein lauter, heftiger Schrei hallt durch den Raum. Dann folgt Stille. Etwas später bin ich damit beschäftigt, das noch warme Blut von den weißen Fliesen zu wischen. Was für ein Kontrast, denke ich mir nur. Und gleichzeitig keimt die Frage auf, wie ein einzelner Mensch nur so stark bluten kann.

Was klingt, wie der Beginn einer dramatischen Geschichte, in der auf brutale Weise ein Mensch ums Leben kam, ist im Grunde nichts weiter, als das Zeugnis meiner eigenen Blödheit. Ehrlich. Gestern, es war schon etwas später, trat ich barfuß in eine alte Schraube, die aus einem wahrscheinlich noch älteren Brett herausragte. Ein ungeheuerlicher Schmerz.  

Eigentlich täte ich gut daran, es nicht zu erzählen. Es, für mich zu behalten. Denn schließlich ist es schon ziemlich dämlich, barfuß in einen Raum zu laufen, in dem alte Bretter liegen, aus denen alte Schrauben schauen. Selbst dann, wenn nur ein Brett und eine Schraube im ganzen Raum ist. Aber so bin ich nun einmal. Mir passiert so etwas. Heute sitze ich hier, schreibe es auf und kann darüber lachen. Was aber noch viel wichtiger ist: Es zeigt deutlich, dass ich nicht perfekt bin und manchmal Sachen mache, die wirklich dumm sind.  

Warum schreibe ich das eigentlich?

Wie schon erwähnt, vielleicht wäre es besser, es nicht zu erwähnen. Tatsächlich wäre es einfach gewesen. Und niemals hätte jemand davon Wind bekommen. Allerdings denke ich, dass wir mittlerweile so darauf getrimmt sind, möglichst perfekt zu erscheinen, dass es schon fast ungesund ist. Meine Meinung. Tagtäglich versuchen wir, uns von unserer besten Seite zu zeigen und nur keine Schwächen zu offenbaren. Und dass, obwohl jeder von uns Schwächen besitzt und jeder von uns das Gegenteil von Perfekt ist.  

Meine letzten Wochen waren seltsam. Ich war oft unkonzentriert, habe manchmal den Fokus verloren und war hin und wieder einfach gar nicht bei der Sache. Keine Ahnung. Es lief einfach nicht. Immer wieder habe ich mich dann in den sozialen Netzwerken verloren und verspürte irgendwie eine Enttäuschung. Es schien mir fast, als liefe es bei allen anderen rund. Nur eben bei mir nicht. Ich sah gestählte Körper, gesunde Mahlzeiten, perfekte Stylings und dazwischen lauter wunderbare Momente. Ich hingegen saß viel in meinem Büro. An einem Schreibtisch, der das Prädikat „Chaos“ mehr als verdient hat. Ich saß zulange an Aufgaben, die eigentlich schnell erledigt gewesen wären und fand oft nicht die Motivation, überhaupt irgendetwas zu tun. Müdigkeit war mein ständiger Begleiter.  

Heute denke ich, dass der Vergleich mich müde gemacht hat. Ich glaube, dass der Vergleich, meine Motivation verstummen ließ. Was ich nicht erkannt habe, war die Tatsache, dass „die Anderen“ uns nur das sehen lassen, was sie uns sehen lassen wollen. Das sie das, was eben nicht ins perfekte Bild passt, unerwähnt lassen. Das ist auch vollkommen in Ordnung, denn letzten Endes liegt es an mir, das Gesehene einzuordnen und einzuschätzen. Aber gleichzeitig vergesse ich schnell, dass mir nicht jeder alles zeigen möchte und so entsteht in meinem Kopf das Bild, dass bei „den Anderen“ alles glatt läuft und sie stets erfolgreich, motiviert und vom Leben geküsst sind. 

Das Gegenteil von Perfekt

Meinem Fuß geht es ganz gut. Allerdings merke ich beim Auftreten immer noch die Einstichstelle. Sie ist ein wenig angeschwollen. Aber das geht schon klar. Mein Schreibtisch ist immer noch irgendwie chaotisch. Aber auch das ist in den Griff zu bekommen. Was ich aber sagen möchte, bevor ich das Chaos hier beseitige, ich bin nicht perfekt. Du bist es auch nicht. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Selbst die großen Stars, egal ob auf der Kinoleinwand oder in den sozialen Medien, sind nicht perfekt. Niemand von ihnen. Vielleicht haben sie mehr Geld, wirken erfolgreicher oder das Leben sieht einfacher aus, als Deines und meines – aber letzten Endes, wissen wir nichts. Geld macht zwar viele Dinge einfacher, aber am Ende nicht unbedingt glücklich. Was aber glücklich macht, ist Dankbarkeit.

Und falls Du Dich fragst, was ich heute mache? Ich sag es Dir. Ich höre auf zu vergleichen und bin dankbar für die Dinge, Momente und Augenblicke, die ich habe und erleben darf. Und sollten mir keine einfallen, suche ich sie. Sollte ich keine finden, erschaffe ich sie. Das kostet mich nur etwas Überwindung, einen anderen Blickwinkel aber nicht unbedingt Geld.  

Und das Beste daran? Sie müssen nicht perfekt sein. Nur wahr.