11. Dezember 2022

Neue Flammen greifen nach dem alten Stück Eichenholz

Es ist Sonntag. Draußen ist es nasskalt. Nasskalt mit Temperaturen um den Gefrierpunkt herum. Schnee fällt nicht, doch dafür sind die Klinkersteine auf dem Gehweg spiegelglatt. Ein älterer Herr streut kalte Asche auf die Steine. Dadurch wird das Gehen gleich angenehmer. Tatsächlich eine großartige Idee, sind doch viele Spaziergängerinnen und Spaziergänger an diesem dritten Advent unterwegs. Vor der Kirche stehen Buden, ein kleines Riesenrad und es duftet nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Während das Licht den Tag verlässt und die Dunkelheit die Oberhand gewinnt, sorgen die zahlreichen Lichter der Lichterketten für eine atmosphärisch, weihnachtliche Stimmung.

Mich wird man auf diesem Adventsmarkt nicht antreffen. Mit Händen, die tief in den Taschen vergraben sind, spaziere ich an der Einfahrt, die zum Markt führt, vorbei. Mein Weg führt mich über die große Hauptstraße, auf der heute, gefühlt, mehr los ist als sonst, raus aus dem Dorf. Die letzten Lichter des Dorfes lasse ich irgendwann hinter mir. Die Straße wirkt auch hier gefroren und zuweilen spiegelglatt. Aus Gründen der Sicherheit und vielleicht auch, um etwas schneller voranzukommen, laufe ich neben der Straße. Auch auf die Gefahr hin, in einen Haufen Hundekot zu treten. Scheiße am Schuh ist nicht so beschissen, wie ein Oberschenkelhalsbruch. Oder ein gebrochenes Bein.

Irgendwie habe ich das Gefühl, mich heute zu wenig bewegt zu haben. Ob ich meine zehntausend Schritte an diesem Tag erreichen werde? Sicherlich nicht. Den Nachmittag habe ich, zum größten Teil liegend, vor dem Fernseher verbracht. Mit einigen Leckereien und heißer Schokolade, die, selbstredend, natürlich eine weiße Mütze aus leckerer Schlagsahne trug. Allein aus diesem Grund empfinde ich den Spaziergang durch die gefrorene, dunkle und kalte Landschaft als Wohltat. Und während ich durch die voranschreitende Dunkelheit gehe, habe ich ausreichend Zeit, meinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Auch das, eine Wohltat. 

 Als ich gestern Abend, mit in den Taschen vergrabenen Händen durch das Dorf lief, hörte ich einen Podcast. In diesem ging es um Kosmologie. Es ging um den Urknall, schwarze Löcher und dunkle Materie. Es ging um Sterne und Planeten, um das Universum und darum, dass es sich weiter und weiter in das Nichts ausdehnt. Ein Wissenschaftler erklärte, einiger Maßen anschaulich, dass die Wissenschaft davon ausgeht, dass durch diesen Urknall, aus einer ursprünglichen Singularität heraus, die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit geschah. Obwohl mir all diese Ausführungen, Theorien und Beispiele unfassbar interessant erschienen, muss ich doch gestehen, dass mein Intellekt, als auch meine Vorstellungskraft vielleicht zu klein sind, um all das wirklich begreifen zu können. Vielleicht ist diese Tatsache der Grund, dass ich an diesem Abend die Stille vorziehe. 

Das Jahresende bringt Ruhe mit sich.

Da der Himmel mit Wolken bedeckt ist, die eine klare Sicht auf die Sterne und die Weiten des Universums verwehren, beschließe ich, den Kosmos, Kosmos sein zu lassen. Stattdessen schenke ich dem Jahresende meine Aufmerksamkeit, welches mir in jedem Jahr eine tiefe Ruhe schenkt. Gerade schon zu Weihnachten. Dieser ganze Stress und die zahlreiche Hektik, die so viele zu den Feiertagen beklagen, bleibt mir verborgen. Oder vielleicht lasse ich mich einfach nicht darauf ein. Sicherlich eine Ansichtssache, die am Ende aber gar keine tragende Rolle spielt. Wichtig ist nur, dass ich diese vorweihnachtliche Ruhe finde, sie annehme und nutze. Hier, am Rande der Felder, oder später, im Schein der Kerzen, vor dem brennenden Kamin. Dem wohl schönsten Ort im Haus dieser Tage. Ruhe und Zeit um die Gegenwart zu genießen, die Vergangenheit loszulassen und der Zukunft einige Ziele vorauszuschicken. 

Doch im Großen und Ganzen möchte ich die Gegenwart genießen. Den gegenwärtigen Augenblick. Ich ziehe meine Hände aus den Taschen, um den seichten Wind zu spüren, höre auf den Rausch, der über die Felder zieht. Für einen Augenblick schließe ich meine Augen, die in der Dunkelheit eh nicht allzu viel erkennen mögen und atme die frische Luft in meine Lungen. Der Geruch des Winters zieht durch meine Nasenflügel. Ich muss lächeln, weil ich für einen Moment denke, dass sich so der Frieden anfühlen muss. Der innere Frieden, der mit Geld niemals zu bezahlen ist. Mag sein, dass es ein seltsamer Anblick ist, doch im Schutz der Dunkelheit und aufgrund der Abwesenheit von Menschen, wird niemand davon Zeuge. 

Später lege ich einen weiteren Scheit in den Kamin. Neue Flammen greifen nach dem alten Stück Eichenholz und erwärmen den Raum. Auf dem kleinen Tisch stehen zwei Kerzen, die ich mit einem Streichholz entzünden werde. Dann wird sich der Tag gänzlich verabschieden und ein neuer Tag wird geboren werden. Vielleicht werde ich zum Einschlafen wieder einen Podcast hören. Aber viel werde ich davon nicht mitbekommen. Das kann ich jetzt schon sagen.